Unter dem Eindruck der erschütternden Ereignisse des Zweiten Weltkriegs wählt Käthe Kollwitz für eine ihrer letzten Lithografien noch einmal ein Motiv, das sie zeitlebens begleitet – ihre Interpretation der Schutzmantelmadonna aus der christlichen Ikonographie – und ein Motto, mit dem sie bereits 1918 Richard Dehmels Aufruf zum letzten Kriegsaufgebot entgegengetreten war: »Saatfrüchte sollen nicht vermahlen werden«, ein Goethe-Zitat aus dem ›Lehrbrief‹, dem 7. Buch von ›Wilhelm Meisters Lehrjahre‹.
Die kraftvoll konturierten Figuren sind charakteristisch für den Zeichenduktus ihres Spätwerks. In ihrem Tagebuch schreibt die Künstlerin über die Entstehung dieses Blattes:
Ich beschließe noch einmal – zum 3. Mal – dasselbe Thema aufzunehmen und sagte zu Hans vor ein paar Tagen: Das ist nun einmal mein Testament: ›Saatfrüchte sollen nicht vermahlen werden‹ Ich zeichnete also noch einmal dasselbe: Jungen, richtige Berliner Jungen, die wie junge Pferde gierig nach draußen wittern, werden von einer Frau zurückgehalten. Die Frau (eine alte Frau) hat die Jungen unter sich und ihren Mantel gebracht, gewaltsam und beherrschend spreitet sie ihre Arme und Hände über die Jungen. ›Saatfrüchte sollen nicht vermahlen werden‹ – diese Forderung ist wie ›Nie wieder Krieg‹ kein sehnsüchtiger Wunsch, sondern Gebot. Forderung.«