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Das Mahnmal »Trauernde Eltern«

Wo sonst in unserer Zeit ist Menschenleid in so einfacher Größe zum Ausdruck gebracht?« 

Bundespräsident Theodor Heuss in seiner Einweihungsrede am 21. Mai 1959

In der Kirchenruine Alt St. Alban, der ersten Gedenkstätte des Bundes für die Gefallenen beider Weltkriege, befindet sich eine Kopie der »Trauernden Eltern« von Käthe Kollwitz. In seinem Entstehungskontext gehört das Skulpturenpaar zu den wohl persönlichsten Werken der Künstlerin – in seiner allgemeingültigen Aussage und Wirkung steht es jedoch zugleich für eine kollektive Erinnerung an Krieg und Gewaltherrschaft.

Das Foto von Christian Nitz zeigt das Mahnmal »Trauernde Eltern« von Käthe Kollwitz, das im offenen Innenraum der Kirchenruine Alt St. Alban in Köln aufgestellt ist. Inmitten der verwitterten Backsteinmauern knien sich zwei lebensgroße, blockhaft massive Steingestalten in stillem Schmerz gegenüber: Links verharrt der Vater mit starr geradeaus gerichtetem Blick und eng vor der Brust verschränkten Armen, während rechts die Mutter tief gebeugt und in sich gekehrt um den gemeinsamen Sohn trauert.
Käthe Kollwitz, Mahnmal »Trauernde Eltern«, 1914–1932, leicht vergrößerte Kopien der Originale (Vater ca. 178 x 66 x 88 cm; Mutter ca. 164 x 70 x 120 cm), Muschelkalk, Bundesgedenkstätte für die Toten der beiden Weltkriege in der Kölner Kirchenruine von Alt St. Alban, ausgeführt 1953/54 von der Werkstatt Ewald Mataré, eingeweiht 1959

In sie habe ich alles hineinzulegen versucht, was seit Beginn des Krieges
uns Alle, die wir unter dem Krieg bluteten, bewegt hat.«

Käthe Kollwitz, Brief an Ludwig Kaemmerer, 11. Oktober 1932

Die Originale werden von Kollwitz für den Soldatenfriedhof Roggeveld in Flandern/Belgien geschaffen. Dort wurde ihr 18-jähriger Sohn Peter, gefallen am 22. Oktober 1914, in den ersten Tagen des Ersten Weltkriegs, in einem Soldatengrab beigesetzt. Heute stehen die »Trauernden Eltern« auf dem Soldatenfriedhof Vladslo, wohin die Bestatteten von Roggeveld im Rahmen von Grabzusammenlegungen 1956 umgebettet wurden.

Das Bedürfnis, ihrem gefallenen Sohn ein Denkmal zu errichten, verspürt Kollwitz bereits kurz nach dem Tod Peters. Ihren ursprünglichen Plan, einen aufgebahrten Soldaten mit Vater und Mutter zu Kopf bzw. Füßen zu gestalten, verwirft sie jedoch und entwickelt in 18-jähriger Auseinandersetzung mit dem Thema die endgültige Konzeption. Dargestellt sind schließlich allein die blockhaften Elternfiguren, die die Gesichtszüge der Künstlerin und ihres Mannes tragen. Sie trauern – jeder für sich – um das verlorene Kind. Kollwitz reduziert die Aussage auf das Wesentliche: auf die Hinterbliebenen in ihrem Schmerz, und auf eine nicht zu füllende Leere, die alle im Krieg Gefallenen hinterlassen.

Die Schwarz-Weiß-Fotografie von Willi Moegle aus dem Jahr 1937 zeigt das Skulpturenpaar »Trauernde Eltern« in seiner originalen Aufstellung von Juli 1932 bis 1955 auf dem Soldatenfriedhof Roggeveld in Belgien. Mit einem Blick von rechts ist im Vordergrund eine sommerliche Wiese mit zahlreichen Holzkreuzen zu sehen, im Hintergrund vor einer niedrigen Bruchsteinmauer die Skulpturen - rechts der Vater, links die Mutter - zwischen beiden öffnet sich die Steinmauer als schmaler Ausgang aus dem Friedhof.
Käthe Kollwitz, Mahnmal »Trauernde Eltern«, originale Aufstellung von Juli 1932 bis 1955 auf dem Soldatenfriedhof Roggeveld in Belgien, Aufnahme von 1937 aus dem Nachlass Kollwitz
Die Schwarz-Weiß-Fotografie von 1932 zeigt den Blick von Außen auf den Soldatenfriedhof Roggeveld: Ein mit Steinplatten ausgelegter schmaler Weg führt durch eine Öffnung in der niedrigen Bruchsteinmauer in den Friedhof, dahinter rechts vom Eingang die Skulptur der Mutter, links die des Vater, beide von hinten.
Käthe Kollwitz, Mahnmal »Trauernde Eltern«, originale Aufstellung von Juli 1932 bis 1955 auf dem Soldatenfriedhof Roggeveld in Belgien, Fotografie von 1932 aus dem Nachlass Kollwitz
Die Schwarz-Weiß-Fotografie von Jean Mil zeigt das Mahnmal »Trauernde Eltern« in der Aufstellung seit 1956 auf dem Soldatenfriedhof in Vladslo, Belgien.
Käthe Kollwitz, Mahnmal »Trauernde Eltern«, Aufstellung seit 1956 auf dem Soldatenfriedhof in Vladslo, Belgien. Fotografie von Jean Mil, 1990

Ein Bundesmahnmal in einer kriegszerstörten Stadt

Als in der jungen Bonner Republik Überlegungen zu einer ersten bundesweiten Gedenkstätte für die Gefallenen beider Weltkriege angestellt werden, entscheidet man sich, die »Trauernden Eltern« nachzubilden – ein Vorhaben, das auf die Initiative von Hans Kollwitz, dem älteren Sohn der Künstlerin, zurückgeht. 1951 wendet er sich mit dem Vorschlag, das Skulpturenpaar auch auf deutschem Boden aufzustellen, an Bundespräsident Theodor Heuss. Dieser, selbst ein großer Bewunderer von Käthe Kollwitz, nimmt die Anregung auf und unterstützt die Realisierung.

Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V., der bei der Finanzierung maßgeblich beteiligt ist, schlägt unter mehreren Alternativen als Standort für das Mahnmal auch Köln vor – eine Großstadt in Nähe des Regierungssitzes Bonn, und gleichzeitig eine im Zweiten Weltkrieg stark zerstörte Metropole. Nach langen Diskussionen einigt man sich im Oktober 1954, die Figuren in der Ruine der bis auf den Turm ausgebombten Kirche St. Alban zu installieren. Das älteste romanische Kirchengebäude Kölns soll als Ort der Mahnung und des Erinnerns nicht wiederaufgebaut werden.

Mit der Umsetzung der Kopien nach neu angefertigten Gipsabgüssen von den originalen Steinfiguren in Belgien wird 1953 die Werkstatt Ewald Mataré betraut. Mataré führt den Auftrag jedoch nicht selbst aus, sondern gibt ihn an seine beiden Meisterschüler Erwin Heerich (1922–2004) und Joseph Beuys (1921–1986) weiter. Heerich übernimmt die Gestaltung der Mutter, Beuys die des Vaters. Beide Figuren werden in Muschelkalk ausgeführt und gegenüber den Originalen um zehn Prozent vergrößert.

Die Schwarz-Weiß-Fotografie zeigt einen Blick in die Kölner Kirchenruine von Alt St. Alban bei der Aufstellung des Skulpturenpaares »Trauernden Eltern« in den Wintermonaten 1955. Der Innenhof ist schneebedeckt, rechts im Vordergrund ein Steinhaufen, links ein Karren mit großen hölzernen Wagenrädern und Handwerksgerät, im Hintergrund sind die bereits aufgestellten Skulpturen zu sehen.
Die Kirchenruine von Alt St. Alban, Aufstellung der »Trauernden Eltern«, Fotografie von 1955
Die Schwarz-Weiß-Fotografie von Lothar Schnepf aus dem Jahr 1999 zeigt die Kopien des Mahnmals »Trauernde Eltern« von Käthe Kollwitz in der Kölner Kirchenruine von Alt St. Alban, der ersten Bundesgedenkstätte für die Toten der beiden Weltkriege. Die Figuren - der Vater, in Seitenansicht, die Mutter frontal - sind in den gepflasterten Boden eingelassen. Im Hintergrund das Kirchengemäuer aus Ziegelstein mit einem großen Fenster, das den Blick in den benachbarten Festsaal des Gürzenich freigibt.
Käthe Kollwitz, Mahnmal »Trauernde Eltern«, 1914–1932, Kopien in der Bundesgedenkstätte für die Toten der beiden Weltkriege in der Kölner Kirchenruine von Alt St. Alban, Fotografie von 1999

Im März 1959 wird das steinerne Elternpaar schließlich in den neu gestalteten Boden des Vierungshofes von Alt St. Alban eingelassen. 

Anders als in Belgien stehen der Vater und die Mutter hier nicht nebeneinander, sondern sind sich seitlich zugewandt. Die Einbindung der blockhaften Skulpturen in den leeren Raum der Ruine und die weite Entfernung zu den Betrachter:innen hinter dem geschlossenen Portalgitter verstärken ihren Ausdruck des stillen Trauerns.

Wo sonst in unserer Zeit ist Menschenleid in so einfacher Größe zum Ausdruck gebracht? Wenn aber das alte Köln solchem Werk eine Heimat bietet, dann muss daran erinnert werden, dass die Schöpferin ihre Heimat an den Ufern des Pregel hatte. Trauer um vaterländisches Schicksal bleibt so der Trauer um menschliches Schicksal für immer verbunden.«

Theodor Heuss in seiner Einweihungsrede am 21. Mai 1959
Die Schwarz-Weiß-Fotografie von Hansherbert Wirtz zeigt einen Blick in die Kölner Kirchenruine von Alt St. Alban vom Chor aus in das Publikum bei der Einweihung als Bundesgedenkstätte. Zu sehen sind die beiden Steinskulpturen »Trauernde Eltern«, der Vater links, die Mutter mittig, rechts am Bildrand Bundespräsident Theodor Heuss während seiner Rede.
Bundespräsident Theodor Heuss bei der Einweihung der Bundesgedenkstätte, 21. Mai 1959

Am 21. Mai 1959 wird die Gedächtnisstätte unter großer öffentlicher Anteilnahme eingeweiht. Anwesend sind neben Bundespräsidenten Prof. Theodor Heuss Kölns Oberbürgermeister Theo Burauen, Hans Kollwitz, Ewald Mataré sowie zahlreiche Vetreter:innen aus Politik, Kultur und Kirche.
Seitdem erinnern die »Trauernden Eltern« im eindrucksvollen Zusammenspiel mit der ausgebombten mittelalterlichen Architektur an die Toten beider Weltkriege.

Alt St. Alban

Die ehemalige Pfarrkirche St. Alban wird erstmals 1172 urkundlich erwähnt und gilt damit als eines der ältesten romanischen Kirchengebäude Kölns. Nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg entscheidet man sich gegen einen Wiederaufbau der Kirche, beschließt ihre Konservierung als Ruine und die Errichtung der Gedenkstätte. Seit 1959 ist das Areal zudem mit dem ehemaligen Kaufhaus- und Festsaalbau Gürzenich, den die Stadt 1441–47 auf dem Grundstück der Patrizierfamilie von Gürzenich errichtete, verbunden.

Adresse:
Alt St. Alban
Quatermarkt 4
50667 Köln

Die Gedenkstätte ist nicht begehbar.
Durch die Gittertore sind die »Trauernden Eltern« jedoch gut zu sehen.

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