Pietà, 1937-38/39, Bronze © VG Bild-Kunst, Bonn 2005
  Pietà, 1937-38/39

Am Todestag ihres 1914 gefallenen Sohnes Peter notierte die Künstlerin 1937 in ihr Tagebuch: "Ich arbeite an der kleinen Plastik, die hervorgegangen ist aus dem plastischen Versuch, den alten Menschen zu machen. Es ist nun so etwas wie eine Pietà geworden. Die Mutter sitzt und hat den toten Sohn zwischen ihren Knien im Schoß liegen. Es ist nicht mehr Schmerz, sondern Nachsinnen." (Tagebücher, 22. Oktober 1937). Nachsinnen darüber, "daß der Sohn nicht angenommen wurde von den Menschen. Sie ist eine alte einsame und dunkel nachsinnende Frau." (Tagebücher, Dezember 1939).

Käthe Kollwitz' Pietà, welche die Künstlerin trotz dieser Äußerungen nicht als religiös empfand, weicht von "klassischen" Pietàdarstellungen deutlich ab. Bei diesen wird der tote Jesus dem Betrachter präsentiert. Bei Käthe Kollwitz Pietà ruht der Sohn dagegen nicht auf den Knien der Mutter, sondern er liegt kauernd am Boden zwischen ihren Beinen. Da seine Beine so stark angezogen sind, dass er insgesamt von der Figur der Mutter umfangen wird, wirkt er eher wie ein Kind, das Schutz im Schoß seiner Mutter findet.

Nachdem die Künstlerin bei der Denkmalsplastik für ihren gefallenen Sohn 1932 auf dessen Gestalt verzichtet hatte und nur die trauernden Eltern zeigte, setzte sie sich und ihm mit dieser Plastik ein intimes, privates Denkmal. Als 1993 die Bundesrepublik in ihrer neuen Hauptstadt Berlin eine zentrale Gedenkstätte für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft in Schinkels "Neuer Wache" mit einer von Harald Haacke vergrößerten Skulptur von Käthe Kollwitz' Pietà errichtete, entbrannte eine leidenschaftliche Auseinandersetzung darüber.

Der damals amtierende Bundeskanzler Helmut Kohl, vom dem die Initiative dafür ausging, wurde von verschiedensten Seiten vorgehalten, dass eine um ihren Sohn trauernde Mutter den Opfern des Holocausts und dem Massensterben des Zweiten Weltkrieges nicht gerecht würde. Die Pietà beziehe sich lediglich auf den Ersten Weltkrieg mit seinen rund zwei Millionen deutschen gefallenen Soldaten.

Das Käthe Kollwitz Museum Köln besitzt zwei Exemplare der Pietà, einen der ersten Güsse überhaupt, die im Zweiten Weltkrieg angefertigt wurden, und einen frühen Bronzeguss aus der Zeit nach 1945.


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