Am 21. Juni heiraten Käthe und Karl Kollwitz (1863–1940).
Noch im selben Jahr zieht das Paar von Königsberg nach Berlin, wo Dr. med. Karl Kollwitz, dem die Kasse der Schneider übertragen worden ist, im Arbeiterbezirk Prenzlauer Berg eine Arztpraxis eröffnet. An ihrem neuen Wohnort und durch die Begegnungen mit den Patienten ihres Mannes wird Käthe Kollwitz hautnah mit dem Elend der Großstadt konfrontiert. In ihrer Kunst wendet sie sich bald sozialkritischen Themen zu.
Die Künstlerin beginnt mit der Arbeit an einer druckgrafischen Folge zu dem Roman Germinal von Emile Zola (1840–1902).
Es entstehen drei Radierungen zum Thema: Die »Szene aus Germinal«, Kn 19 III b, welche ein in München als Zeichnungen begonnenes Eifersuchtsdrama zwischen zwei Männern und Kathrin behandelt, sowie eine »Verschwörungsszene«, Kn 10 und Kn 11, in zwei Varianten.
Gedruckt werden diese Arbeiten – wie fast alle Radierungen zu Lebzeiten der Künstlerin – in der Hofkupferei Felsing, Berlin-Charlottenburg. Bei Wilhelm Felsing (1868–1940), der die von 1797 bis 1965 bestehenden Firma in den Jahren 1892 bis 1940 leitet, geben neben Kollwitz auch Künstlerkollegen wie Karl Stauffer-Bern, Max Klinger, Max Liebermann, Lovis Corinth, Max Slevogt, Emil Nolde und Heinrich Zille ihre Arbeiten in Druck.
1893 bricht Käthe Kollwitz die Arbeit an der Folge zugunsten ihres Zyklus »Ein Weberaufstand« ab.
Das Deutsche Reichsgesetz bringt Verbesserungen hinsichtlich des Arbeiterschutzes. Es regelt Höchstarbeitszeiten, führt ein generelles Arbeitsverbot an Sonntagen ein und verbietet Fabrikarbeit von Kindern unter 13 Jahren.
Die SPD nimmt im Programm des Erfurter Parteitages explizit die Forderung nach einem Wahlrecht für Frauen auf.
Die kunsttheoretische Schrift Malerei und Zeichnung von Max Klinger (1857–1920) erscheint.
Mehr lesenWeniger lesenVermutlich liest Kollwitz die Abhandlung im Jahr ihres Erscheinens. Später erinnert sich die Künstlerin, wie ihr beim Lesen der Broschüre bewusst wurde: »Ich bin ja gar keine Malerin« (Rückblick auf frühere Zeit, 1941) und wendet sich verstärkt der Grafik zu.
In dem Traktat findet sie ganz allgemein eine Begründung dafür, sich in der Grafik mit den negativen Seiten des Lebens auseinanderzusetzen. Darüber hinaus erlangt Klingers Publikation für ihre späteren, sozialkritischen Arbeiten kaum Bedeutung, da Klinger – von Schopenhauers pessimistischer Lebenssicht geprägt – unter der Kritik, die ein Grafiker an der Welt üben soll, nicht die Sozialkritik versteht.
Geburt des ersten Sohnes Hans Kollwitz (1892–1971).
Mehr lesenWeniger lesenDer ältere Sohn der Künstlerin wird 1928 Schularzt und später Seuchendezernent in Berlin. Er lässt sich nach dem Zweiten Weltkrieg vorzeitig pensionieren und stellt seine Arbeit in den Dienst am Werk seiner Mutter.
Hans Kollwitz veröffentlicht erstmals ihre Tagebücher und Briefe in Auswahlbänden, unterstützt Ausstellungen und gibt einen Band mit Fotografien der plastischen Werke von Käthe Kollwitz heraus.
Infolge der Nichtverlängerung des Rückversicherungsvertrages mit dem Deutschen Reich kommt es nach dem geheimen Militärbündnis am 4. Januar 1894 zu einem förmlichen Bündnisvertrag. Damit tritt die von Bismarck stets gefürchtete Zweifrontenlage ein – eine Situation, die mitverantwortlich ist für den Ersten Weltkrieg.
In Berlin gründet sich die künstlerische Vereinigung der XI.
Mehr lesenWeniger lesenDie Künstlergruppe gehört zusammen mit der sich ebenfalls 1892 konstituierenden Münchner Secession zu den bedeutendsten Künstlergvereinigungen in Deutschland, die sich vom konservativen Kunstbetrieb lösen. Die Vereinigung der XI ist ein wichtiger Vorläufer der Berliner Secession.
Käthe Kollwitz’ jüngere Schwester Lisbeth Schmidt (1870–1963) heiratet den aus Königsberg stammenden jüdischen Ingenieur Dr. Georg Stern (1867–1934). Das Paar lebt wie Käthe und Karl Kollwitz in Berlin.
Die Künstlerin beginnt mit der Arbeit am Zyklus »Ein Weberaufstand« (1893-1897).
Zum Weberzyklus haben sich an die 40 gezeichnete Entwürfe erhalten. Die Tuschezeichnung »Hans Kollwitz mit Kerze« (1895), NT 115, eine Detailstudie zu Bl. 2 der Folge, zählt zu den beeindruckendsten Einzelarbeiten und ist ein früher Beleg dafür, dass die Künstlerin gerne auf ihre beiden Söhne als Modell zurückgriff.
Unter dem Eindruck der Uraufführung des naturalistischen Dramas Die Weber von Gerhart Hauptmann (1862–1946), dem die Hungerrevolte der schlesischen Weber von 1844 zugrunde liegt, bricht Käthe Kollwitz die Arbeit an ihrer Folge zu Germinal von Emile Zola (1840–1902) ab und beginnt den sechsteiligen druckgraphischen Zyklus »Ein Weberaufstand«, den sie 1897 fertigstellen wird.
Ein großes Erlebnis fiel in diese Zeit: die Uraufführung der Hauptmannschen Weber in der ›Freien Bühne‹. [...] Ich war dort, brennend vor Vorfreude und Interesse. Der Eindruck war gewaltig. Die besten Schauspieler wirkten mit [...]. Am Abend war ein festliches Zusammensein in großem Kreise, wo Hauptmann als Führer der Jungen auf den Schild gehoben wurde. Diese Aufführung bedeutete einen Markstein in meiner Arbeit. Die begonnene Folge zu ›Germinal‹ ließ ich liegen und machte mich an die Weber.«
Dass die Studie »Hans Kollwitz mit Kerze« als Vorarbeit für das zweite Blatt »Tod« in Feder und Tusche ausgeführt ist, spricht für einen frühen Entstehungszeitraum, als die Künstlerin noch plant, den gesamten Zyklus als Radierungen auszuführen. Gerade aber die Umsetzung der tiefschwarz getuschten Schlagschatten im Tiefdruck – zum Beispiel in Aquatinta – bereitet Kollwitz zu dieser Zeit noch so große Probleme, dass sie schließlich entscheidet, die ersten drei Blätter der Druckfolge zu lithografieren und lediglich die letzten drei Blätter zu radieren.
Käthe Kollwitz beteiligt sich das erste Mal an Ausstellungen.
Sie zeigt die Radierungen »Begrüßung«, Kn 13, und »In der Schenke«, Kn 15, auf der Großen Berliner Kunstausstellung. Gleichzeitig ist Käthe Kollwitz mit der Radierung »An der Kirchenmauer«, Kn 17, sowie mit zwei heute nicht nachweisbaren Pastellen auf der Freien Berliner Kunstausstellung vertreten.
Auf der Freien Berliner Kunstausstellung wird der Kritiker und Sammler Julius Elias (1861–1927) auf die Künstlerin aufmerksam und würdigt sie in der Zeitschrift »Die Nation« erstmals in einer Ausstellungsbesprechung.
In Warschau findet der Gründungskongress der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei des Königreichs Polen statt. Zu den Gründungsmitgliedern der illegalen Partei gehört u.a. Rosa Luxemburg (1871–1919).
Das erste Heft der Zeitschrift »Die Frau. Monatsschrift für das gesamte Frauenleben unserer Zeit« erscheint. Herausgeberin ist die Lehrerin und Frauenrechtlerin Helene Lange (1848–1930).
Edvard Munch (1863–1944) beginnt mit der Arbeit an seinen insgesamt vier Gemälden und einer Lithografie mit dem Titel »Der Schrei« (1893-1910).
Käthe Kollwitz’ Nichte Regula Stern (1894–1978) wird geboren.
Mehr lesenWeniger lesenDie älteste Tochter ihrer Schwester Lisbeth und deren Mannes Georg ist Schauspielerin, gibt diesen Beruf jedoch 1922 auf und wird Ärztin. Unter den Nationalsozialisten muss sie als Halbjüdin ihre Praxis in Berlin schließen und kann nur als Heilgehilfin arbeiten. Regula Stern betreut Karl und Käthe Kollwitz medizinisch im Alter. Nach 1945 nimmt sie ihren Arztberuf wieder auf.
In Berlin gründet sich der Bund deutscher Frauenvereine unter dem Vorsitz von Auguste Schmidt (1833–1902). Der Dachverband der bürgerlichen Frauenbewegung will für eine bessere Vernetzung sorgen.
Geburt des zweiten Sohnes Peter Kollwitz (1896–1914).
Mehr lesenWeniger lesenDer jüngere Sohn von Käthe und Karl Kollwitz will Künstler werden. Er schließt die Schule mit der Mittleren Reife ab und nimmt 1912 ein künstlerisches Studium in der Ausbildungsklasse am Berliner Kunstgewerbemuseum auf. In den Sommerferien 1914 reist Peter gemeinsam mit Hans Koch (1897–1995), Erich Krems (1898–1916) und Richard Noll (+1916) zum Wandern nach Norwegen, wo ihn die Nachricht vom Kriegsausbruch erreicht. Anschließend fassen die Freunde den Plan, sich als Freiwillige zu melden.
Peter Kollwitz fällt am 22. Oktober 1914 bei Dixmuiden in Belgien.
Kollwitz’ Nichte Johanna (Hanna) Stern (1896–1988) wird geboren.
Mehr lesenWeniger lesenDie zweite Tochter ihrer Schwester Lisbeth trägt den Künstlernamen Johanna Hofer. Schon als Schauspielschülerin engagiert sie Max Reinhardt am Deutschen Theater in Berlin. In zweiter Ehe heiratet sie den Schauspieler und Regisseur Fritz Kortner, mit dem sie 1933 in die USA emigriert. 1948 kehrt sie nach Deutschland zurück und hat auf der Bühne und im Fernsehen zahlreiche große Rollen.
Kollwitz lithografiert das Bildnis ihres Sohnes »Hans Kollwitz«, Kn 39.
Der Deutsche Reichstag verabschiedet das erste Bürgerliche Gesetzbuch.
Käthe Kollwitz’ Nichte Katharina Stern (1897–1984) wird geboren.
Mehr lesenWeniger lesenUnter dem Namen Katta Stern ist dritte Tochter von Lisbeth und Georg Stern als Tänzerin erfolgreich. Unter dem nationalsozialistischen Regime erhält sie 1933 Aufführungsverbot in Deutschland. Ihr Mann Walter Herrendörfer (1900–gef. im II. Weltkrieg) wird zur Organisation Todt eingezogen. Da ihre Emigration in die USA scheitert, muss sie sich aus dem öffentlichen Leben zurückziehen und lebt fortan mit ihrer Mutter zusammen, die sie bis zum Tode pflegt.
Käthe Kollwitz vollendet den Zyklus »Ein Weberaufstand« (1893–97).
Bereits für die erste Präsentation der Druckfolge auf der Großen Berliner Kunstausstellung im Jahr 1898 erhält sie große Anerkennung und wird zur namhaften jungen Künstlerin.
Käthe Kollwitz gelingt mit dem Zyklus »Ein Weberaufstand« (1893–97) der künstlerische Durchbruch auf der Großen Berliner Kunstausstellung.
Max Liebermann (1847–1935) setzt als Mitglied der Preisjury durch, dass die Künstlerin bei Kaiser Wilhelm II. (1859–1941) für eine Medaille vorgeschlagen wird. Aufgrund des sozialkritischen Inhaltes der Druckfolge lehnt der Kaiser die Verleihung jedoch unter dem Vorwand ab: »Das käme ja einer Herabwürdigung jeder hohen Auszeichnung gleich, Orden und Ehrenzeichen gehören auf die Brust verdienter Männer.«
Von 1898 bis 1903 unterrichtet sie an der Berliner Künstlerinnenschule mit einem Lehrauftrag für Radieren und Zeichnen.
Das Dresdner Kupferstich-Kabinett beginnt unter der Leitung von Max Lehrs (1855–1938) als erste öffentliche Sammlung mit dem Ankauf von Kollwitz-Werken. Der Kunsthistoriker wird zu einem der wichtigsten Förderer von Käthe Kollwitz. Bis zu seiner Pensionierung lassen sich insgesamt 177 Druckgrafiken und 22 Zeichnungen als Ankäufe nachweisen.
Mehr lesenWeniger lesenMax Lehrs übernimmt 1896 die Leitung des Dresdner Kupferstich-Kabinetts. Von 1905 (?) bis 1908 steht er dem Berliner Kupferstichkabinett vor und von 1908 bis zu seiner Pensionierung 1924 erneut der Dresdner Sammlung.
Die Flottengesetze stellen im deutschen Kaiserreich die gesetzliche Grundlage für den Ausbau der Kaiserlichen Marine vor dem Ersten Weltkrieg dar. Der so geregelte Ausbau der Marine zu einer schlagkräftigen deutschen Hochseeflotte führt zu einem Deutsch-Britischen Wettrüsten und gilt als eine der Ursachen des Ersten Weltkriegs.
Gründung der Berliner Secession
Mehr lesenWeniger lesenDie Gründung der von Max Liebermann (1847–1935) geleiteten Berliner Secession, die als erste Künstlervereinigung in Berlin auch Frauen aufnimmt, erfolgt als Gegenorganisation zum konservativen Verein Berliner Künstler.
Sie zerbricht an der Ausjurierung der Werke von 25 Mitgliedern für die Ausstellung des Jahres 1913. Die Mehrzahl der Mitglieder, darunter Käthe Kollwitz sowie der gesamte Vorstand, treten aus und gründen um Max Liebermann, Max Slevogt und Paul Cassirer im Jahr 1914 die Freie Secession.
Die Künstlerin wird auf Betreiben von Max Lehrs und Max Klinger auf der Deutschen Kunstausstellung in Dresden mit einer silbernen Plakette ausgezeichnet.
Die Zugehörigkeit zur Berliner Secession ermöglicht der Künstlerin die Teilnahme an zahlreichen weiteren Ausstellungen im In- und Ausland. So kann Kollwitz zwei Werke auch auf der V. Ausstellung der Wiener Secession präsentieren. Dort erwirbt die Albertina das Blatt »Ende«, Kn 38, aus dem Weberzyklus und legt damit den Grundstein für ihre Kollwitz-Sammlung.
Kollwitz verdankt ihre Einladung zur Berliner Secession sicher Max Liebermann, dem Präsidenten der im Jahr zuvor gegründeten Künstlervereinigung. Die Berliner Secession ist die erste deutsche Kunstvereinigung, die aufgrund des zunehmenden Interesses an Maler-Radierungen und autonomen Zeichnungen ab 1901 Schwarzweiß-Ausstellungen veranstaltet. Bis zur Auflösung der Berliner Secession im Jahr 1913 ist Käthe Kollwitz regelmäßig beteiligt.
Durch die Veröffentlichung ihrer Radierung »Begrüßung«, Kn 13, in der Zeitschrift »Pan« wird der Künstlerin eine frühe Würdigung zurteil. Sie plant für die Publikation zunächst ein farbig lithografiertes Selbstbildnis, Kn 46. Da ihr diese Arbeit – ihre erste Farblithografie überhaupt – schließlich nicht gelungen erscheint, reicht sie die Radierung »Begrüßung« ein, die 1892 anlässlich der Geburt ihres Sohnes Hans entstanden ist.
Die 1895 gegründete Berliner Zeitschrift »Pan« für Kunst, Dichtung, Theater und Musik mit beigebundener Originalgrafik ist ein bedeutendes Organ des Jugendstils in Deutschland.
Die Radierung »Aufruhr«, Kn 46, entsteht als erste Auseinandersetzung von Käthe Kollwitz mit dem Thema ›Bauernkrieg‹.
Die Grafik mit einer allegorischen Verkörperung der ›Freiheit‹ an der Spitze der Barrikadenkämpfer wurde zunächst auch unter dem Titel »Bauernkrieg« veröffentlicht und wohl erst nach dem Erscheinen des gleichnamigen Zyklus 1908 umbenannt.