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Zeitstrahl —
Käthe Kollwitz

1901—1913
Das glückliche Jahrzehnt

Vita

Nach einem ersten Aufsatz über Käthe Kollwitz 1901 von Max Lehrs (1855–1938) in der Zukunft erscheinen zwei weitere über die Künstlerin 1902 – von Charles Loeser (1864–1928)  in den Sozialistischen Monatsheften und von Anna Plehn (Lebensdaten unbek.) in Kunst für alle.

Werk

Käthe Kollwitz, Losbruch, Bl. 5 aus dem Zyklus »Bauernkrieg«, 1902/03, Strichätzung, Kaltnadel, Aquatinta, Reservage, Vernis mou mit Durchdruck von zwei Stoffen und Zieglerschem Umdruckpapier, 515 x 592 mm, Kn 70 VIII b, Kollwitz Museum Köln, Inv. Nr. 70300/01012.
Käthe Kollwitz, Losbruch, Bl. 5 aus dem Zyklus »Bauernkrieg«, 1902/03, Strichätzung, Kaltnadel, Aquatinta, Reservage, Vernis mou mit Durchdruck von zwei Stoffen und Zieglerschem Umdruckpapier, 515 x 592 mm, Kn 70 VIII b, Kollwitz Museum Köln, Inv. Nr. 70300/01012.

Kollwitz beginnt mit der Arbeit an der großformatigen Radierung »Losbruch«, Kn 70, für den Zyklus »Bauernkrieg« und präsentiert noch im selben Jahr einen Probedruck der Radierung auf der Schwarzweiß-Ausstellung der Berliner Secession.

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Ich halte diesen Bauernkrieg für meine beste Arbeit und bin ziemlich froh über dieselbe.«

⁢Käthe Kollwitz, Brief an Max Lehrs vom 6.3.1903, Bayerische Staatbibliothek München

Zu der Frau, welche auf diesem Blatt die Bauern anfeuert, ist die Künstlerin von der ›Schwarzen Hofmännin‹ angeregt worden - eine der wenigen historisch für den Bauernkrieg bezeugten Frauengestalten, die die Bauern vor der Erstürmung der Stadt Weinsberg segnet und antreibt. Kollwitz liest über die Figur in Wilhelm Zimmermanns (1807–1878) Allgemeiner Geschichte des großen Bauernkriegs. Frühe Zeichnungen und Druckgrafiken lassen schließen, dass sie dieser ansonsten historisch nicht fassbaren, aber in Bauernkriegsromanen um 1900 häufiger anzutreffenden Frauengestalt anfänglich den ganzen Zyklus widmen wollte.

Friedrich Lippmann (1838–1903), seit 1876 Direktor des Berliner Kupferstichkabinetts, erwirbt den Zyklus »Ein Weberaufstand« sowie mehrere druckgrafische Einzelblätter.

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Heute zählen 320 druckgrafische Blätter (Zustandsdrucke und endgültige Fassungen) sowie 143 Handzeichnungen der Künstlerin aus allen Werkphasen zum Berliner Bestand. 120 Zeichnungen gehen auf eine Schenkung von Dr. Hans Kollwitz im Jahr 1964 zurück.

Die New Yorker Public Library erwirbt als erste öffentliche Sammlung in den USA Druckgrafiken der Künstlerin.

1902

Vita

Käthe Kollwitz wird Mitglied im neu gegründeten Deutschen Künstlerbund, dem Dachverband der deutschen Secessionen, und beteiligt sich häufig an dessen Ausstellungen.

Käthe Kollwitz, Weiblicher Akt, um 1904/06, Kohle, 607 x 473 mm, NT 318, Kollwitz Museum Köln, Inv. Nr.  70200/83010.
Käthe Kollwitz, Weiblicher Akt, um 1904/06, Kohle, 607 x 473 mm, NT 318, Kollwitz Museum Köln, Inv. Nr.  70200/83010.

Die Künstlerin reist zum zweiten Mal nach Paris und studiert zwei Monate lang an der Pariser Académie Julian, vermutlich in der Bildhauerklasse von Raoul Verlet (1857–1923).

Mit einem Empfehlungsschreiben Hugo von Tschudis (1851–1911), Direktor der Nationalgalerie Berlin, besucht sie die Ateliers von Auguste Rodin (1940–1917) in Paris und Meudon.  

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Paris bezauberte mich. An den Vormittagen war ich in der alten Julianschule in der Klasse für Plastik, um mich mit den Grundlagen der Plastik vertraut zu machen. Die Nachmittage und Abende war ich in Museen in der Stadt, die mich entzückte, in den Kellern um die Markthallen herum oder in den Tanzlokalen auf dem Montmartre.«

Käthe Kollwitz, Tagebücher, Rückblick, 1941

Vor allem der Besuch bei Rodin in Meudon ist Kollwitz zeitlebens unvergessen. In ihrem Nachruf auf Rodin, der 1917, mitten im ersten Weltkrieg, in den Sozialistischen Monatsheften veröffentlicht wird, erinnert sie sich und fasst die Bedeutung des Künstlers für sie zusammen:

Damals gab es für mich in der ganzen neuzeitlichen Plastik einzig Rodin. [...] Worin lag das Zwingende, Überzeugende, leidenschaftlich Hinreißende seiner Schöpfungen? [...] In seinem Vermögen, dem seelischen Gehalt die plastisch überzeugende, nur diesem Gehalt zugehörende Form zu finden. [...] ob es nun seine große Liebesgruppe mit den wundervoll beseelten Händen war [...], oder seine Bürger von Calais oder seine Kauernde, immer (strömte) unmittelbar eine starke Erregung vom Werk in mich über.«

Käthe Kollwitz, Nachruf Rodin, In: Sozialistische Monatshefte, Heft 24, 28. November 1917

Werk

Käthe Kollwitz, Pariser Kellerlokal, 1904, farbige Kreide (schwarz, hellgrau, braun, rostfarben, ocker, blau, gelb und fleischfarben) auf ockerfarbenem Canson-Zeichenkarton, 468 x 578 mm, NT (277a), Kollwitz Museum Köln, Inv. Nr. 70200/10001.
Käthe Kollwitz, Pariser Kellerlokal, 1904, farbige Kreide (schwarz, hellgrau, braun, rostfarben, ocker, blau, gelb und fleischfarben) auf ockerfarbenem Canson-Zeichenkarton, 468 x 578 mm, NT (277a), Kollwitz Museum Köln, Inv. Nr. 70200/10001.

In Paris entstehen farbige Pastelle von den Caveau des Innocents, den berüchtigten Kellerkneipen unter den Markthallen von Paris.


Die Verbindung für Historische Kunst beauftragt Käthe Kollwitz, den Bauernkriegszyklus als Vereinsgabe zu schaffen.

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1904 bewirbt sich Käthe Kollwitz für die Weiterführung ihres Bauernkriegszyklus bei der Verbindung für Historische Kunst mit zwei ihrer jüngsten Druckgrafiken, mit »Losbruch«, Kn 70, und dem Einzelblatt »Frau mit totem Kind«, Kn 81.

Max Lehrs kann ihr dabei behilflich sein, da die Verbindung 1904 ihre Versammlung in Dresden abhält und ihn in die Kommission ›zu Vorschlägen für die Auswahl von grafischen Blättern‹ wählt. Es gelingt Lehrs in nur zehn Minuten, den Zyklus bei der Kommission durchzusetzen, indem er die besten Arbeiten der Künstlerin aus der Sammlung des Kupferstich-Kabinetts vorlegt.

Die Kunsthandlung Emil Richter in Dresden, die bereits 1899 Kollwitz-Werke führt, beteiligt sich am Ankauf unter der Bedingung, dass die Künstlerin ihr hierfür die Verkaufsrechte überträgt. ⁢⁢Zwischen 1908 und 1910 sichert sich die Kunsthandlung das ausschließliche Recht, alle neuen Druckgrafiken der Künstlerin zu verlegen und erwirbt 1918 fast alle existierenden Radier- und Steinplatten von Käthe Kollwitz.

Käthe Kollwitz, Selbstbildnis en face, 1904 ?, Kreide- und Pinsellithografie, Zeichenstein in Dunkelbraun, Tonstein für die Gesichtsumrahmung in Schwarz, Tonstein für das Kleid in Lindgrün und ocker eingefärbten Tonstein, 440 x 334 mm, Kn 85 II A, Kollwitz Museum Köln, Inv. Nr. 70300/05006.
Käthe Kollwitz, Selbstbildnis en face, 1904 ?, Kreide- und Pinsellithografie, Zeichenstein in Dunkelbraun, Tonstein für die Gesichtsumrahmung in Schwarz, Tonstein für das Kleid in Lindgrün und ocker eingefärbten Tonstein, 440 x 334 mm, Kn 85 II A, Kollwitz Museum Köln, Inv. Nr. 70300/05006.

Vermutlich 1904 entsteht das »Selbstbildnis en face«, Kn 85, als Farblithografie.

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Die meisten Lithografien der Künstlerin, auch fast alle farbigen, werden von Hermann Birkholz (?–1927) in Berlin gedruckt – auch das »Selbstbildnis en face« aus dem Jahr 1904, eines der heute auf dem Kunstmarkt am höchsten gehandelten Blätter. Die wenigen Abzüge dieser Arbeit erwarben zu Lebzeiten der Künstlerin einige ihrer bedeutendsten Sammler: Erich Cohn, Campbell Dodgson, Geheimrat Helferich, Ackermann & Sauerwein, Johanna und Walter Wolf und Salman Schocken sowie ihr späterer Verleger Alexander von der Becke.

Geschichte

Großbritannien und Frankreich schließen nach der Beilegung ihrer kolonialen Streitigkeiten die Entente Cordiale.

1904

Werk

Käthe Kollwitz, Plakat »Deutsche Heimarbeit-Ausstellung Berlin 1906«, 1906, Kreide- und Pinsellithografie mit Spritztechnik und Schabeisen, 692 x 490 mm, Kn 95 III, Kollwitz Museum Köln, Inv. Nr. 00300/88002.
Käthe Kollwitz, Plakat »Deutsche Heimarbeit-Ausstellung Berlin 1906«, 1906, Kreide- und Pinsellithografie mit Spritztechnik und Schabeisen, 692 x 490 mm, Kn 95 III, Kollwitz Museum Köln, Inv. Nr. 00300/88002.

Käthe Kollwitz entwirft das Plakat »Deutsche Heimarbeit«, Kn 95, für die gleichnamige Ausstellung in Berlin.

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Berlin ist das Zentrum der Heimarbeit für die Bekleidungsindustrie in Deutschland. Die Ausstellung, der ein sensationeller Erfolg beschieden ist, wird von bürgerlichen Sozialreformern und Gewerkschaften konzipiert. Sie ist die erste große Ausstellung zu dieser Thematik in Deutschland und soll auf die schlechten Löhne der Heimarbeiter aufmerksam machen sowie die katastrophalen Arbeits- und Lebensbedingungen der Heimarbeiter vor Augen führen.

Seit der Weimarer Republik gibt es das Gerücht, dass die Kaiserin den Besuch der Ausstellung abgelehnt hätte, solange das Plakat öffentlich aushängt.

Geschichte

Mit dem Stapellauf des britischen Schlachtschiffes Dreadnought beginnt das offene Flotten-Wettrüsten zwischen Deutschland und Großbritannien.

1906

Vita

Ab 1908 sind Tagebuchaufzeichnungen von Käthe Kollwitz erhalten.

Nicht für die Veröffentlichung bestimmt, enthalten die Tagebücher der Künstlerin Reflexionen über Persönliches, Auseinandersetzungen mit der Arbeit, Gedanken über das Verhältnis zu anderen Menschen und über ihre politische Standortsuche. ⁢⁢⁢

⁢Nachdem ihr Sohn Peter (1896–1914) zu Beginn des Ersten Weltkrieges 1914 gefallen ist, kreisen ihre Gedanken – festgehalten im Tagebuch –  wieder und wieder um die idealistischen Vorstellungen ihrer Söhne, Peters Opfer für das Vaterland und ihre eigene Einstellung dazu.
⁢Aufbewahrungsort der zehn Hefte (18. September 1908 bis Mai 1943) ist die Stiftung Archiv der Akademie der Künste, Berlin.


Ende 1908 erkrankt ihr Sohn Hans Kollwitz (1892–1971) schwer an Diphterie und ist dem Tod nahe. Käthe Kollwitz verarbeitet dies in einer Vielzahl von Zeichnungen und vor allem ab 1910/11 in mehreren Radierungen.

Werk

Käthe Kollwitz, Die Gefangenen, Bl. 7 des Zyklus »Bauernkrieg«, 1908, Strichätzung, Kaltnadel, Schmirgel sowie Vernis mou mit Durchdruck von Stoff und Zieglerschem Umdruckpapier, 327 x 428 mm, Kn 102 IX a, Kollwitz Museum Köln, Inv. Nr. 70300/94005.
Käthe Kollwitz, Die Gefangenen, Bl. 7 des Zyklus »Bauernkrieg«, 1908, Strichätzung, Kaltnadel, Schmirgel sowie Vernis mou mit Durchdruck von Stoff und Zieglerschem Umdruckpapier, 327 x 428 mm, Kn 102 IX a, Kollwitz Museum Köln, Inv. Nr. 70300/94005. 

Käthe Kollwitz stellt ihren Zyklus »Bauernkrieg« fertig. ⁢Die Druckfolge wird im selben Jahr auf der Großen Kunstausstellung in Dresden vollständig gezeigt.

Mit dem Bauernkriegszyklus, der den Bekanntheitsgrad der Künstlerin gewaltig steigert, findet der revolutionäre Themenkreis der Künstlerin seinen Höhepunkt und Abschluss. Er erscheint als Vereinsgabe der Verbindung für historische Kunst.

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Die Kunsthandlung Emil Richter beteiligt sich am Ankauf der Druckplatten unter der Voraussetzung, dass die Künstlerin ihm hierfür die Verkaufsrechte überträgt. Zwischen 1908 und 1910 sichert sich die Kunsthandlung das ausschließliche Recht, alle neuen Druckgrafiken von Käthe Kollwitz zu verlegen, 1918 erwirbt er fast alle existierenden Radier- und Steinplatten von der Künstlerin.

Käthe Kollwitz, Wärmehallen, 1908/09, Schwarze Kreide, Feder und Pinsel in Tusche und Sepia, auf olivgrünem Papier, der Hintergrund weiß gehöht, 422 x 389 mm, NT (469a), Kollwitz Museum Köln, Inv. Nr. 70200/92018.
Käthe Kollwitz, Wärmehallen, 1908/09, Schwarze Kreide, Feder und Pinsel in Tusche und Sepia, auf olivgrünem Papier, der Hintergrund weiß gehöht, 422 x 389 mm, NT (469a), Kollwitz Museum Köln, Inv. Nr. 70200/92018.

Von 1908–1911 arbeitet Kollwitz für die satirische Wochenzeitschrift »Simplicissimus«.

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Um 1908 finden sich in ihren Tagebüchern mehrfach Einträge über Besuche bei Patientinnen ihres Mannes. Kollwitz beschreibt in diesem Zusammenhang die Schwere und Tragik des proletarischen Lebens.

Mit 14 Zeichnungen für die satirische Zeitschrift wendet sie sich direkt den Problemen des Proletariats zu. Sie macht ihre Grafik zunehmend zum Instrument sozialen und politischen Engagements.

Das Rasch-fertig-werden-müssen, die Notwendigkeit, eine Sache populär ausdrücken zu müssen, und doch die Möglichkeit – da es eben für den Simpel ist –, künstlerisch bleiben zu können, vor allem aber die Tatsache, vor einem großen Publikum des öfteren aussprechen zu können, was mich immer wieder reizt und was noch lange nicht genug gesagt worden ist: die vielen stillen und lauten Tragödien des Großstadtlebens – das alles zusammen macht, daß mir diese Arbeit außerordentlich lieb ist.«

Käthe Kollwitz, Brief an Beate Bonus-Jeep, aus: Bonus-Jeep, Sechzig Jahre Freundschaft

Vermutlich im Herbst 1908 beginnt Käthe Kollwitz plastisch zu arbeiten. 

Geschichte

Das im April 1908 verabschiedete Reichsvereinsgesetz gestattet nun auch Frauen die Mitgliedschaft und Aktivität in politischen Vereinigungen. Das aktive und passive Wahlrecht wird damit jedoch noch nicht erworben.

1908

Vita

Käthe Kollwitz, Selbstbildnis en face, um 1910, Kohle auf graublauem Ingres-Papier, 427 x 310 mm, NT 688, Kollwitz Museum Köln, Inv. Nr. 70200/95016.
Käthe Kollwitz, Selbstbildnis en face, um 1910, Kohle auf graublauem Ingres-Papier, 427 x 310 mm, NT 688, Kollwitz Museum Köln, Inv. Nr. 70200/95016.

Käthe Kollwitz besucht – vermutlich im Zusammenhang mit der verstärkten Hinwendung zur Plastik – den Abendakt bei dem Bildhauer Arthur Lewin-Funcke (1866–1937) auf dessen privater Schule für Malerei und Plastik.


⁢Der ältere Sohn Hans Kollwitz (1892–1971) nimmt das Studium der Medizin auf.


⁢Im Frühjahr 1910 thematisiert die Künstlerin erstmal den Expressionismus in ihren Tagebüchern.

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Als 1910 zahlreiche Expressionisten aus der Berliner Secession austreten und die Neue Secession gründen, beurteilt Käthe Kollwitz deren Arbeiten anfänglich als ›talentvolle Schmierereien‹ [in: Die Tagebücher, April 1910].

⁢Bezeichnenderweise gewinnt die Künstlerin, die mit ihren Holzschnitten der 1920er Jahre zu den Expressionisten zu zählen ist, der neuen Richtung nach dem Besuch einer Schwarzweiß-Ausstellung der Neuen Secession Anfang Oktober 1910 erstmals Positives ab:

Allmählich bekomme ich doch etwas Ahnung davon, was diese Richtung Gutes haben könnte. Eben sie reizt und wirkt und muss als Teufel schaffen.«

Käthe Kollwitz, Tagebücher, 9. Oktober 1910

Werk

Käthe Kollwitz, Tod, Frau und Kind, 1910, Strichätzung, Kaltnadel, Schmirgel sowie Vernis mou mit Durchdruck von Bütten und Zieglerschem Umdruckpapier, 404 x 407 mm, Kn 108 XIII, Kollwitz Museum Köln, Inv. Nr. 70300/84023.
Käthe Kollwitz, Tod, Frau und Kind, 1910, Strichätzung, Kaltnadel, Schmirgel sowie Vernis mou mit Durchdruck von Bütten und Zieglerschem Umdruckpapier, 404 x 407 mm, Kn 108 XIII, Kollwitz Museum Köln, Inv. Nr. 70300/84023.

Um 1910/11 entstehen zahlreiche Radierungen zum Thema ›Tod‹ nach Zeichnungen, in denen sich die Künstlerin mit der lebensbedrohlichen Diphterie-Erkrankung ihres Sohnes Hans Kollwitz (1892–1971) Ende 1908 beschäftigt.


Käthe Kollwitz fertigt bei den Moabiter Unruhen Skizzen vor Ort.

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In Moabit sind seit drei Nächten Krawalle. In den Kohlenlagern von Kupfer streikten 50 Mann [...]. Am 2. oder 3. Tage war ich nach der Beusselstraße gefahren. [...] Die Straße war voll von Arbeitern, [...] Die Stimmung war sehr gespannt [...] Vor der Kirche postierte sich eine Schutzmannkette zu Pferde. Wie ich fortging begann gerade die Säuberung der Straße. [...] Die Kohlenwagen von Kupfer fahren nur unter polizeilicher Bedeckung aus und erregen viel Aufsehn und böses Blut.«

⁢Käthe Kollwitz, Tagebücher, 29. September 1910

Geschichte

Bei den Moabiter Unruhen (auch Moabiter Krawalle) in Berlin, die von Arbeitern einer Kohlehandlung ihren Ausgang nehmen, beteiligen sich bis zu 30.000 Menschen an den gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen streikenden Arbeitern und Polizei.


1910

Vita

Das Berliner Atelierhaus Siegmunds Hof 11 in Tiergarten, historische Postkarte o. J. (vor 1945)
Das Berliner Atelierhaus Siegmunds Hof 11 in Tiergarten, historische Postkarte o. J. (vor 1945)

Für die Arbeit an ihrem plastischen Werk mietet Käthe Kollwitz von September 1912 bis Herbst 1928 ein Bildhauer-Atelier im Berliner Siegmundshof.  


Die Künstlerin wird mit der Goldenen Salzburger Staatsmedaille für ihre Radierung »Carmagnole«, Kn 51, ausgezeichnet.


Ab 1912 ist Kollwitz gewähltes Mitglied im Vorstand der Berliner Secession. Nach deren Spaltung 1913 wechselt sie zur Freien Secession, deren Vorstand sie von 1914 bis 1916 angehört.


Der jüngere Sohn Peter Kollwitz nimmt ein künstlerisches Studium in der Ausbildungsklasse am Berliner Kunstgewerbemuseum auf.

Werk

Käthe Kollwitz, Plakat »Für Gross Berlin«, 1912, Kreide- und Pinsellithografie (Umdruck), 690 x 950 mm, Kn 122 II, Kollwitz Museum Köln, Inv. Nr. 70300/90007.
Käthe Kollwitz, Plakat »Für Gross Berlin«, 1912, Kreide- und Pinsellithografie (Umdruck), 690 x 950 mm, Kn 122 II, Kollwitz Museum Köln, Inv. Nr. 70300/90007.

Die Künstlerin entwirf ein Plakat für den Propaganda-Ausschuss »Für Groß Berlin«, Kn 122. ⁢Aufgrund einer Intervention des Haus- und Grundbesitzervereins verbietet Polizeipräsident Traugott v. Jagow (1865–1941) das Plakat als ›aufreizend zum Klassenhass‹.

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Berlin und die angrenzenden Städte erleben seit Ende des 19. Jahrhunderts eine massenhafte Zuwanderung. In Reaktion darauf bilden einige Orte zusammen 1911 den Zweckverband Groß-Berlin zur Koordinierung von Bebauungsplänen, der Sicherung von Erholungsgebieten und Vereinheitlichung des Verkehrsnetzes.

1912 gründen Architekten und Stadtplaner, die ihre Vorstellungen nicht ausreichend berücksichtigt finden, einen Propaganda-Ausschuss und rufen mit dem Plakat zu Versammlungen auf.

Käthe Kollwitz, Entbindung im Frauengefängnis, 1912, Schwarze Kreide, gewischt, auf Zeichenpapier, 536 x 704 mm, NT 697, Kollwitz Museum Köln, Inv. Nr. 70200/96015.
Käthe Kollwitz, Entbindung im Frauengefängnis, 1912, Schwarze Kreide, gewischt, auf Zeichenpapier, 536 x 704 mm, NT 697, Kollwitz Museum Köln, Inv. Nr. 70200/96015.

Kollwitz beteiligt sich mit zwei – heute nicht näher zu bestimmenden – Zeichnungen an der Berliner Ausstellung »Die Frau in Haus und Beruf«.

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Ihre Werke sind für einen 13-teiligen Bilderbogen in der Abteilung »Die Frau in der Wohlfahrtspflege« bestimmt, auf dem Künstlerinnen die Entwicklung der Fürsorge für weibliche Gefangene im 19. Jahrhundert thematisieren. Die Berliner Behörden erteilen hierfür erstmals die Erlaubnis, in Gefängnissen zu zeichnen.

Lieb und interessant war mir dabei in das hiesige Frauengefängnis – es nennt sich nach einem Schild noch ›Weibergefängnis‹ – zu kommen. Das zweite Mal als ich dort war, mußte ich eine Weile im Sprechzimmer warten. Zwei Frauen waren da, die ihre Söhne in der Untersuchungshaft besuchen kamen. Eine weinte ganz schrecklich. Da sagte eine dritte: ›Weinen Sie nicht, wenn man weint, wird das Leben immer noch trauriger.‹ So ein Druck von Jammer und Seelennot war in dieser Wartestube – schrecklich!«

Käthe Kollwitz, Brief an Hans Kollwitz vom 3. März 1912, in: Briefe an den Sohn.

⁢Die vom Berliner Lyceums Club veranstaltete Ausstellung »Die Frau in Haus und Beruf« gibt einen Überblick über die Tätigkeit der 9,5 Millionen arbeitenden Frauen in Deutschland, u. a. in den Bereichen Erziehungswesen, Landwirtschaft, Sozialen Arbeit, Handel und Verkehr, Krankenpflege und Journalismus. In der Abteilung für bildende Kunst werden 250 ausgewählte Werke von Künstlerinnen aus Deutschland, Paris, London, Florenz und Rom gezeigt.

Käthe Kollwitz wendet sich bis 1918 verstärkt ihrem plastischen Werk zu. In den folgenden drei Jahren beschäftigt sie unter anderem das Thema ›Liebespaar‹, welches seinen Abschluss 1915 in der »Liebesgruppe«, Seeler 13, findet.

Geschichte

Die SPD erhält bei den Reichstagswahlen mit mehr als 4 Millionen Wählern über ein Drittel aller Stimmen und stellt die stärkste Fraktion im Parlament. ⁢An die Stelle der früheren revolutionären Einstellung tritt bei vielen Sozialdemokraten nun die Erwartung einer friedlichen Machtübernahme.


Am 20. Oktober demonstrieren nach einem Aufruf der SPD 250.000 Menschen in Berlin für ein demokratisches Wahlrecht in Preußen und gegen steigende Lebensmittelpreise sowie die Kriegsgefahr.

⁢Auf der Großkundgebung, an der Käthe Kollwitz mit ihrem Mann und dem Sohn Peter teilnimmt, beschließen die Teilnehmer per Akklamation eine Resolution, gemeinsam mit den Arbeitern aller Länder den Krieg als Begleiterscheinung der Politik des Imperialismus zu bekämpfen.


Gerhart Hauptmann (1862–1946) erhält den Nobelpreis für Literatur.


Untergang der Titanic.

1912