Von 1901 bis 1913 ist Käthe Kollwitz Mitglied der Berliner Secession.
Die Künstlerin reist zum ersten Mal nach Paris, besucht Galerien und Ausstellungen und trifft den Maler und Grafiker Théophile-Alexandre Steinlen (1859–1923).
Mehr lesenWeniger lesenDer Kunsthändler und Kunstsammler Otto Ackermann (1889–1956), Ehemann ihrer Studienfreundin Maria Slavona (1865–1931), führt sie in die Pariser Galerien ein. Bei Ambroise Vollard erwirbt sie ein Pastell des jungen Pablo Picasso (1881–1973) mit dem Titel »La bête« aus dem Jahr 1900 und sieht Werke der Nabis, der Impressionisten sowie weiterer französischer Künstler. Später erklärt sie, Édouard Manet (1832–1883) und die Impressionisten haben sie beeinflusst.
Außerdem besucht Kollwitz Théophile-Alexandre Steinlen (1859–1923), den sie als einen ihr verwandten naturalistischen Künstler verehrt. Sie zeigt dem Künstler, einen Probedruck ihrer gerade fertiggestellten Radierung »Carmagnole«, Kn 51.
Nach dem Tod Steinlens verfasst sie 1924 einen Nachruf auf ihn für die Sozialistischen Monatshefte:
Die Arbeiterschaft [...] hat ihre besondere Schönheit, [...] die sich in Paris stark offenbart. [...] [Sie liegt] in Geste, in Sprache, in Kleidung der Arbeiter, der Arbeitermassen [...]. Von dieser Schönheit war Steinlen so durch und durch erfüllt, daß er in all seinen Schöpfungen immer nur das eine Thema gestaltete. Nicht um im sozial-ethischen Sinn zu wirken (das war ein Motiv, das dann noch dazu kam), sondern weil er Lust daran hatte sein pariserisches Volk in allen Verkörperungen, wie und wo er es auch sah, zu zeigen.«
Die große Radierung »Carmagnole«, Kn 51, entsteht und wird zu Kollwitz' Visitenkarte.
»La Carmagnole« ist ein 1792 bei der Einnahme von Carmagnola aufgekommenes Sturmlied der französischen Revolution, das in jeder Strophe mit dem Refrain endete:
»Dansons la Carmagnole / Vive le son du canon (Lasst uns die Carmagnole tanzen / Es lebe der Klang der Kanone).«
Eine literarische Anregung durch eine Passage aus Charles Dickens' (1812–1870) Roman »A tale of two cities«, erschienenen 1859, ist wahrscheinlich.
Bereits 1899 hatte sie sich in dem Einzelblatt »Aufruhr«, Kn 46, erstmals mit dem Thema auseinander gesetzt. Den späteren Zyklus zum Thema Bauernkrieg plant sie anfänglich in farbigen Lithografien auszuführen, verwirft dieses Vorhaben jedoch 1902 zugunsten von Radierungen.
Die Künstlerin hat erste Ausstellungsbeteiligungen in Paris bei dem Galeristen Charles Hessèle (1856–1931) und in London bei der International Society of Sculptors, Painters and Gravers.
Mehr lesenWeniger lesenAuf der Londoner Ausstellung könnte Campbell Dodgson (1867–1948), auf Kollwitz aufmerksam geworden sein. Dogson, der auch in Kontakt zu Max Lehrs steht, ist Assistent und ab 1912 Leiter der Abteilung Prints and Drawings des British Museum in London beginnt um 1900 privat Grafik zeitgenössischer Künstler zu sammeln, darunter auch Werke von Käthe Kollwitz. Später vermacht Dodgson seine exzellente Sammlung dem British Museum.
Kaiser Wilhelm II. (1859–1941) äußert sich in seiner bekannten Rede anlässlich der Einweihung der Berliner Siegesallee, einer Statuenfolge zu Ehren der Hohenzollern, kritisch über die modernen Kunstströmungen.
Mehr lesenWeniger lesenWenn nun die Kunst, wie es jetzt vielfach geschieht, weiter nichts tut, als das Elend noch scheußlicher hinzustellen, wie es schon ist, dann versündigt sie sich damit am deutschen Volke. Die Pflege der Ideale ist zugleich die größte Kulturarbeit, und wenn wir hierin den anderen Völkern ein Muster sein und bleiben wollen, so muß das ganze Volk daran mitarbeiten, und soll die Kultur ihre Aufgabe voll erfüllen, dann muß sie bis in die untersten Schichten des Volkes hindurchgedrungen sein. Das kann sie nur, wenn die Kunst die Hand dazu bietet, wenn sie erhebt, statt daß sie in den Rinnstein niedersteigt.«
Um die katastrophale Wohnsituation in der Reichshauptstadt zu verbessern, gründet die Berliner Stadtverordnetenversammlung die König-Friedrich-Stiftung und stattet sie mit 1 Million Mark aus.
In Berlin trifft sich die Generalversammlung fortschrittlicher Frauenvereine und fordert eine bessere politische Bildung und Arbeitsschutz für Frauen.
In Berlin Steglitz gründet sich die Wandervogelbewegung.
Nach einem ersten Aufsatz über Käthe Kollwitz 1901 von Max Lehrs (1855–1938) in der Zukunft erscheinen zwei weitere über die Künstlerin 1902 – von Charles Loeser (1864–1928) in den Sozialistischen Monatsheften und von Anna Plehn (Lebensdaten unbek.) in Kunst für alle.
Kollwitz beginnt mit der Arbeit an der großformatigen Radierung »Losbruch«, Kn 70, für den Zyklus »Bauernkrieg« und präsentiert noch im selben Jahr einen Probedruck der Radierung auf der Schwarzweiß-Ausstellung der Berliner Secession.
Mehr lesenWeniger lesenIch halte diesen Bauernkrieg für meine beste Arbeit und bin ziemlich froh über dieselbe.«
Zu der Frau, welche auf diesem Blatt die Bauern anfeuert, ist die Künstlerin von der ›Schwarzen Hofmännin‹ angeregt worden - eine der wenigen historisch für den Bauernkrieg bezeugten Frauengestalten, die die Bauern vor der Erstürmung der Stadt Weinsberg segnet und antreibt. Kollwitz liest über die Figur in Wilhelm Zimmermanns (1807–1878) Allgemeiner Geschichte des großen Bauernkriegs. Frühe Zeichnungen und Druckgrafiken lassen schließen, dass sie dieser ansonsten historisch nicht fassbaren, aber in Bauernkriegsromanen um 1900 häufiger anzutreffenden Frauengestalt anfänglich den ganzen Zyklus widmen wollte.
Friedrich Lippmann (1838–1903), seit 1876 Direktor des Berliner Kupferstichkabinetts, erwirbt den Zyklus »Ein Weberaufstand« sowie mehrere druckgrafische Einzelblätter.
Mehr lesenWeniger lesenHeute zählen 320 druckgrafische Blätter (Zustandsdrucke und endgültige Fassungen) sowie 143 Handzeichnungen der Künstlerin aus allen Werkphasen zum Berliner Bestand. 120 Zeichnungen gehen auf eine Schenkung von Dr. Hans Kollwitz im Jahr 1964 zurück.
Die New Yorker Public Library erwirbt als erste öffentliche Sammlung in den USA Druckgrafiken der Künstlerin.
Max Lehrs, Direktor des Dresdner Kupferstich-Kabinetts, veröffentlicht in der Zeitschrift »Die graphischen Künste« eine ausführliche Würdigung der Künstlerin mit angehängtem Verzeichnis der bisherigen 50 Druckgrafiken von Kollwitz aus dem Dresdner Bestand.
Kollwitz erhält eine Ehrenwand auf der Winterausstellung der Berliner Secession und kann dort mit 25 Arbeiten einen Überblick über ihr bisheriges Schaffen geben
Bei den Reichstagswahlen gewinnt die Zentrumspartei die meisten Mandate. Zweitstärkste Fraktion wird die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD), die 81 Abgeordnete für den neuen Reichstag stellt. Seit 1890 erhält die SPD am meisten Stimmen, aufgrund der Wahlkreiseinteilung spiegelt sich die Zahl der absoluten Stimmen nicht in den Mandaten.
Käthe Kollwitz wird Mitglied im neu gegründeten Deutschen Künstlerbund, dem Dachverband der deutschen Secessionen, und beteiligt sich häufig an dessen Ausstellungen.
Die Künstlerin reist zum zweiten Mal nach Paris und studiert zwei Monate lang an der Pariser Académie Julian, vermutlich in der Bildhauerklasse von Raoul Verlet (1857–1923).
Mit einem Empfehlungsschreiben Hugo von Tschudis (1851–1911), Direktor der Nationalgalerie Berlin, besucht sie die Ateliers von Auguste Rodin (1940–1917) in Paris und Meudon.
Mehr lesenWeniger lesenParis bezauberte mich. An den Vormittagen war ich in der alten Julianschule in der Klasse für Plastik, um mich mit den Grundlagen der Plastik vertraut zu machen. Die Nachmittage und Abende war ich in Museen in der Stadt, die mich entzückte, in den Kellern um die Markthallen herum oder in den Tanzlokalen auf dem Montmartre.«
Vor allem der Besuch bei Rodin in Meudon ist Kollwitz zeitlebens unvergessen. In ihrem Nachruf auf Rodin, der 1917, mitten im ersten Weltkrieg, in den Sozialistischen Monatsheften veröffentlicht wird, erinnert sie sich und fasst die Bedeutung des Künstlers für sie zusammen:
Damals gab es für mich in der ganzen neuzeitlichen Plastik einzig Rodin. [...] Worin lag das Zwingende, Überzeugende, leidenschaftlich Hinreißende seiner Schöpfungen? [...] In seinem Vermögen, dem seelischen Gehalt die plastisch überzeugende, nur diesem Gehalt zugehörende Form zu finden. [...] ob es nun seine große Liebesgruppe mit den wundervoll beseelten Händen war [...], oder seine Bürger von Calais oder seine Kauernde, immer (strömte) unmittelbar eine starke Erregung vom Werk in mich über.«
In Paris entstehen farbige Pastelle von den Caveau des Innocents, den berüchtigten Kellerkneipen unter den Markthallen von Paris.
Die Verbindung für Historische Kunst beauftragt Käthe Kollwitz, den Bauernkriegszyklus als Vereinsgabe zu schaffen.
Mehr lesenWeniger lesen1904 bewirbt sich Käthe Kollwitz für die Weiterführung ihres Bauernkriegszyklus bei der Verbindung für Historische Kunst mit zwei ihrer jüngsten Druckgrafiken, mit »Losbruch«, Kn 70, und dem Einzelblatt »Frau mit totem Kind«, Kn 81.
Max Lehrs kann ihr dabei behilflich sein, da die Verbindung 1904 ihre Versammlung in Dresden abhält und ihn in die Kommission ›zu Vorschlägen für die Auswahl von grafischen Blättern‹ wählt. Es gelingt Lehrs in nur zehn Minuten, den Zyklus bei der Kommission durchzusetzen, indem er die besten Arbeiten der Künstlerin aus der Sammlung des Kupferstich-Kabinetts vorlegt.
Die Kunsthandlung Emil Richter in Dresden, die bereits 1899 Kollwitz-Werke führt, beteiligt sich am Ankauf unter der Bedingung, dass die Künstlerin ihr hierfür die Verkaufsrechte überträgt. Zwischen 1908 und 1910 sichert sich die Kunsthandlung das ausschließliche Recht, alle neuen Druckgrafiken der Künstlerin zu verlegen und erwirbt 1918 fast alle existierenden Radier- und Steinplatten von Käthe Kollwitz.
Vermutlich 1904 entsteht das »Selbstbildnis en face«, Kn 85, als Farblithografie.
Mehr lesenWeniger lesenDie meisten Lithografien der Künstlerin, auch fast alle farbigen, werden von Hermann Birkholz (?–1927) in Berlin gedruckt – auch das »Selbstbildnis en face« aus dem Jahr 1904, eines der heute auf dem Kunstmarkt am höchsten gehandelten Blätter. Die wenigen Abzüge dieser Arbeit erwarben zu Lebzeiten der Künstlerin einige ihrer bedeutendsten Sammler: Erich Cohn, Campbell Dodgson, Geheimrat Helferich, Ackermann & Sauerwein, Johanna und Walter Wolf und Salman Schocken sowie ihr späterer Verleger Alexander von der Becke.
Großbritannien und Frankreich schließen nach der Beilegung ihrer kolonialen Streitigkeiten die Entente Cordiale.
Käther Kollwitz stellt beim Pariser Salon des Indépendants 13 Werke aus.
Sie zeigt den Zyklus »Ein Weberaufstand«, Kn 33–38, die Radierungen »Carmagnole«, Kn 51, »Hamburger Kneipe«, Kn 55, die Lithografie »Frau mit Orange« , Kn 56, sowie mindestens eine Zeichnung, »Sitzender weiblicher Akt«, NT 170, die sich heute im Besitz des Getty Research Institute, L.A., befindet.
Der deutsche Generalstabschef Alfred Graf von Schlieffen (1833–1913) legt einen geheimen Aufmarschplan für den Fall eines Zweifrontenkrieges gegen Frankreich und Russland vor. Der Schlieffenplan wird die deutsche Strategie zu Beginn des Ersten Weltkriegs bestimmen.
Helene Stöcker (1869–1943) gründet in Berlin den Bund für Mutterschutz, dem Kollwitz später einzelne Arbeiten zur Verfügung stellt. Die Vereinigung tritt für die Gleichstellung nichtehelicher Lebensgemeinschaften und unehelicher Kinder ein.
Der Maler Adolf von Menzel (1815–1905) stirbt am 9. Februar.
In Dresden gründet sich die Künstlergruppe Die Brücke.
Käthe Kollwitz entwirft das Plakat »Deutsche Heimarbeit«, Kn 95, für die gleichnamige Ausstellung in Berlin.
Mehr lesenWeniger lesenBerlin ist das Zentrum der Heimarbeit für die Bekleidungsindustrie in Deutschland. Die Ausstellung, der ein sensationeller Erfolg beschieden ist, wird von bürgerlichen Sozialreformern und Gewerkschaften konzipiert. Sie ist die erste große Ausstellung zu dieser Thematik in Deutschland und soll auf die schlechten Löhne der Heimarbeiter aufmerksam machen sowie die katastrophalen Arbeits- und Lebensbedingungen der Heimarbeiter vor Augen führen.
Seit der Weimarer Republik gibt es das Gerücht, dass die Kaiserin den Besuch der Ausstellung abgelehnt hätte, solange das Plakat öffentlich aushängt.
Mit dem Stapellauf des britischen Schlachtschiffes Dreadnought beginnt das offene Flotten-Wettrüsten zwischen Deutschland und Großbritannien.
Käthe Kollwitz wird auf der ersten Grafik-Ausstellung des Deutschen Künstlerbundes mit dem Villa-Romana-Preis geehrt.
Die von Max Klinger (1857–1920) gestiftete Auszeichnung ist mit einem Preisgeld von 2000 Mark sowie der Einladung zu einer maximal einjährigen Residenz in der Florentiner Villa Romana verbunden.
Käthe Kollwitz hält sich dort – wie schon andere Preisträger vor ihr – nur kurze Zeit, wohl etwas über zwei Monate, auf.
Mehr lesenWeniger lesenAus Florenz schreibt Käthe Kollwitz an ihre Schwester Lisbeth:
Ich werde leichteren Herzens von hier nach Haus fahren als von Paris. [...] Die enormen Galerien verwirren [...]. So versuchte ich es mit den Kirchen und mit viel mehr Glück. Da sind wunderschöne Sachen drin an Fresken Ich bin alle Kirchen und Klöster durchgepilgert [...]. – Dann ist der Bargello, wo alle Donatellos sind, [...] prachtvoll sind seine Knaben und jungen Männer, der David ist wunderschön. Und zum Schluss wage ich mich dann auch wieder in den Pitti und die Uffizien. Wunderschöne Sachen sind darunter. [...] Am eindringlichsten ist mir bis jetzt Massaccio gewesen in einer Freske in S. Maria del Carmine, wo ein nackter Knabe zwischen einer Versammlung von steifen Männern kniet, und dann in einer Maria, die das Kind auf dem Schoß hat und selbst im Schoß der heiligen Anna sitzt.«
Eine abschließende Fußwanderung von Florenz nach Rom mit der jungen abenteuerlustigen Engländerin Constanze Harding-Krayl (1884–?) ist ihr das eindrucksvollste Erlebnis dieser Italienreise.
Käthe Kollwitz’ Nichte Maria Stern (1907–1993) wird geboren.
Mehr lesenWeniger lesenMaria Stern kommt als viertes und jüngstes Kind ihrer Schwester Lisbeth zur Welt. Sie wird Schauspielerin, Choreographin und Autorin. Nach der Heirat mit dem ungarischen Regisseur und Schauspieler Ernst Matray emigriert sie 1933 in die USA, kehrt aber nach dem II. Weltkrieg zurück und verfasst u. a. Drehbücher für Fernsehserien.
Nach russisch-britischer Verständigung bilden Frankreich, Großbritannien und Russland die Triple Entente. Das Deutsche Reich ist nun, bis auf seinen einzig verlässlichen Bündnispartner Österreich-Ungarn, international isoliert.
Die SPD erhält bei der Reichstagswahl die meisten Stimmen.
Gründung des Deutschen Werkbund.
Ab 1908 sind Tagebuchaufzeichnungen von Käthe Kollwitz erhalten.
Nicht für die Veröffentlichung bestimmt, enthalten die Tagebücher der Künstlerin Reflexionen über Persönliches, Auseinandersetzungen mit der Arbeit, Gedanken über das Verhältnis zu anderen Menschen und über ihre politische Standortsuche.
Nachdem ihr Sohn Peter (1896–1914) zu Beginn des Ersten Weltkrieges 1914 gefallen ist, kreisen ihre Gedanken – festgehalten im Tagebuch – wieder und wieder um die idealistischen Vorstellungen ihrer Söhne, Peters Opfer für das Vaterland und ihre eigene Einstellung dazu.
Aufbewahrungsort der zehn Hefte (18. September 1908 bis Mai 1943) ist die Stiftung Archiv der Akademie der Künste, Berlin.
Ende 1908 erkrankt ihr Sohn Hans Kollwitz (1892–1971) schwer an Diphterie und ist dem Tod nahe. Käthe Kollwitz verarbeitet dies in einer Vielzahl von Zeichnungen und vor allem ab 1910/11 in mehreren Radierungen.
Käthe Kollwitz stellt ihren Zyklus »Bauernkrieg« fertig. Die Druckfolge wird im selben Jahr auf der Großen Kunstausstellung in Dresden vollständig gezeigt.
Mit dem Bauernkriegszyklus, der den Bekanntheitsgrad der Künstlerin gewaltig steigert, findet der revolutionäre Themenkreis der Künstlerin seinen Höhepunkt und Abschluss. Er erscheint als Vereinsgabe der Verbindung für historische Kunst.
Mehr lesenWeniger lesenDie Kunsthandlung Emil Richter beteiligt sich am Ankauf der Druckplatten unter der Voraussetzung, dass die Künstlerin ihm hierfür die Verkaufsrechte überträgt. Zwischen 1908 und 1910 sichert sich die Kunsthandlung das ausschließliche Recht, alle neuen Druckgrafiken von Käthe Kollwitz zu verlegen, 1918 erwirbt er fast alle existierenden Radier- und Steinplatten von der Künstlerin.
Von 1908–1911 arbeitet Kollwitz für die satirische Wochenzeitschrift »Simplicissimus«.
Mehr lesenWeniger lesenUm 1908 finden sich in ihren Tagebüchern mehrfach Einträge über Besuche bei Patientinnen ihres Mannes. Kollwitz beschreibt in diesem Zusammenhang die Schwere und Tragik des proletarischen Lebens.
Mit 14 Zeichnungen für die satirische Zeitschrift wendet sie sich direkt den Problemen des Proletariats zu. Sie macht ihre Grafik zunehmend zum Instrument sozialen und politischen Engagements.
Das Rasch-fertig-werden-müssen, die Notwendigkeit, eine Sache populär ausdrücken zu müssen, und doch die Möglichkeit – da es eben für den Simpel ist –, künstlerisch bleiben zu können, vor allem aber die Tatsache, vor einem großen Publikum des öfteren aussprechen zu können, was mich immer wieder reizt und was noch lange nicht genug gesagt worden ist: die vielen stillen und lauten Tragödien des Großstadtlebens – das alles zusammen macht, daß mir diese Arbeit außerordentlich lieb ist.«
Vermutlich im Herbst 1908 beginnt Käthe Kollwitz plastisch zu arbeiten.
Das im April 1908 verabschiedete Reichsvereinsgesetz gestattet nun auch Frauen die Mitgliedschaft und Aktivität in politischen Vereinigungen. Das aktive und passive Wahlrecht wird damit jedoch noch nicht erworben.
Käthe Kollwitz nimmt an den Feierlichkeiten zur Hundertjahrfeier für ihren Großvater Julius Rupp (1809–1884) in Königsberg teil.
Als erste plastische Arbeit fertigt die Künstlerin das »Porträtrelief Julius Rupp«, Seeler 01, – das Bildnis ihres Großvaters. Anlässlich dessen 100. Geburtstages errichtet die Königsberger Freie Evangelische Gemeinde ihrem Gründer einen Gedenkstein mit der von Käthe Kollwitz gefertigten Bronzearbeit.
Mehr lesenWeniger lesenNach dem Zweiten Weltkrieg, in dem das Relief verloren geht, wird es irrtümlich nach Käthe Kollwitz’ Gemälde ihres Vaters rekonstruiert. Erst seit 1990 ersetzt eine vom Berliner Bildhauer Harald Haacke (1924–2004) angefertigte getreue Nachbildung aus der Berliner Bildgießerei Noack das ursprüngliche Werk.
Die Künstlerin ist mit insgesamt 13 Werken – unter anderem mit dem Weberzyklus und mehreren Blättern aus dem »Bauernkrieg« – erstmals auf der Biennale in Venedig vertreten.
Kollwitz fertigt die sechs Zeichnungen der Folge »Bilder vom Elend« für den Simplizissimus, die von Oktober 1909 bis Januar 1910 veröffentlicht werden.
Für den Leipziger Bund für Mutterschutz entsteht eine nicht näher zu bestimmende Grafik.
In München gründet sich die expressionistische Künstlergruppe Neue Künstlervereinigung um Wassily Kandinsky, Gabriele Münter, Alexej Jawlensky, Marianne von Werefkin und anderen.
Am 29. August kreuzt der erste Zeppelin über Berlin.
Käthe Kollwitz besucht – vermutlich im Zusammenhang mit der verstärkten Hinwendung zur Plastik – den Abendakt bei dem Bildhauer Arthur Lewin-Funcke (1866–1937) auf dessen privater Schule für Malerei und Plastik.
Der ältere Sohn Hans Kollwitz (1892–1971) nimmt das Studium der Medizin auf.
Im Frühjahr 1910 thematisiert die Künstlerin erstmal den Expressionismus in ihren Tagebüchern.
Mehr lesenWeniger lesenAls 1910 zahlreiche Expressionisten aus der Berliner Secession austreten und die Neue Secession gründen, beurteilt Käthe Kollwitz deren Arbeiten anfänglich als ›talentvolle Schmierereien‹ [in: Die Tagebücher, April 1910].
Bezeichnenderweise gewinnt die Künstlerin, die mit ihren Holzschnitten der 1920er Jahre zu den Expressionisten zu zählen ist, der neuen Richtung nach dem Besuch einer Schwarzweiß-Ausstellung der Neuen Secession Anfang Oktober 1910 erstmals Positives ab:
Allmählich bekomme ich doch etwas Ahnung davon, was diese Richtung Gutes haben könnte. Eben sie reizt und wirkt und muss als Teufel schaffen.«
Um 1910/11 entstehen zahlreiche Radierungen zum Thema ›Tod‹ nach Zeichnungen, in denen sich die Künstlerin mit der lebensbedrohlichen Diphterie-Erkrankung ihres Sohnes Hans Kollwitz (1892–1971) Ende 1908 beschäftigt.
Käthe Kollwitz fertigt bei den Moabiter Unruhen Skizzen vor Ort.
Mehr lesenWeniger lesenIn Moabit sind seit drei Nächten Krawalle. In den Kohlenlagern von Kupfer streikten 50 Mann [...]. Am 2. oder 3. Tage war ich nach der Beusselstraße gefahren. [...] Die Straße war voll von Arbeitern, [...] Die Stimmung war sehr gespannt [...] Vor der Kirche postierte sich eine Schutzmannkette zu Pferde. Wie ich fortging begann gerade die Säuberung der Straße. [...] Die Kohlenwagen von Kupfer fahren nur unter polizeilicher Bedeckung aus und erregen viel Aufsehn und böses Blut.«
Bei den Moabiter Unruhen (auch Moabiter Krawalle) in Berlin, die von Arbeitern einer Kohlehandlung ihren Ausgang nehmen, beteiligen sich bis zu 30.000 Menschen an den gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen streikenden Arbeitern und Polizei.
Käthe Kollwitz unterstützt die von Hermann Sandkuhl (1872–1936) gegründete Juryfreie Ausstellung, muss dies aber auf Druck der Berliner Secession wieder aufgeben.
In Berlin-Treptow finden Massendemonstration mit 200.000 Beteiligten »Gegen die Kriegshetze! Für den Völkerfrieden« statt.
Am ersten Internationalen Frauentag demonstrieren Menschen in Dänemark, Deutschland, Österreich, Schweiz und den USA für das Frauen-Wahlrecht und die Emanzipation. In Berlin beteiligen sich alleine 45.000 Frauen.
Für die Arbeit an ihrem plastischen Werk mietet Käthe Kollwitz von September 1912 bis Herbst 1928 ein Bildhauer-Atelier im Berliner Siegmundshof.
Die Künstlerin wird mit der Goldenen Salzburger Staatsmedaille für ihre Radierung »Carmagnole«, Kn 51, ausgezeichnet.
Ab 1912 ist Kollwitz gewähltes Mitglied im Vorstand der Berliner Secession. Nach deren Spaltung 1913 wechselt sie zur Freien Secession, deren Vorstand sie von 1914 bis 1916 angehört.
Der jüngere Sohn Peter Kollwitz nimmt ein künstlerisches Studium in der Ausbildungsklasse am Berliner Kunstgewerbemuseum auf.
Die Künstlerin entwirf ein Plakat für den Propaganda-Ausschuss »Für Groß Berlin«, Kn 122. Aufgrund einer Intervention des Haus- und Grundbesitzervereins verbietet Polizeipräsident Traugott v. Jagow (1865–1941) das Plakat als ›aufreizend zum Klassenhass‹.
Mehr lesenWeniger lesenBerlin und die angrenzenden Städte erleben seit Ende des 19. Jahrhunderts eine massenhafte Zuwanderung. In Reaktion darauf bilden einige Orte zusammen 1911 den Zweckverband Groß-Berlin zur Koordinierung von Bebauungsplänen, der Sicherung von Erholungsgebieten und Vereinheitlichung des Verkehrsnetzes.
1912 gründen Architekten und Stadtplaner, die ihre Vorstellungen nicht ausreichend berücksichtigt finden, einen Propaganda-Ausschuss und rufen mit dem Plakat zu Versammlungen auf.
Kollwitz beteiligt sich mit zwei – heute nicht näher zu bestimmenden – Zeichnungen an der Berliner Ausstellung »Die Frau in Haus und Beruf«.
Mehr lesenWeniger lesenIhre Werke sind für einen 13-teiligen Bilderbogen in der Abteilung »Die Frau in der Wohlfahrtspflege« bestimmt, auf dem Künstlerinnen die Entwicklung der Fürsorge für weibliche Gefangene im 19. Jahrhundert thematisieren. Die Berliner Behörden erteilen hierfür erstmals die Erlaubnis, in Gefängnissen zu zeichnen.
Lieb und interessant war mir dabei in das hiesige Frauengefängnis – es nennt sich nach einem Schild noch ›Weibergefängnis‹ – zu kommen. Das zweite Mal als ich dort war, mußte ich eine Weile im Sprechzimmer warten. Zwei Frauen waren da, die ihre Söhne in der Untersuchungshaft besuchen kamen. Eine weinte ganz schrecklich. Da sagte eine dritte: ›Weinen Sie nicht, wenn man weint, wird das Leben immer noch trauriger.‹ So ein Druck von Jammer und Seelennot war in dieser Wartestube – schrecklich!«
Die vom Berliner Lyceums Club veranstaltete Ausstellung »Die Frau in Haus und Beruf« gibt einen Überblick über die Tätigkeit der 9,5 Millionen arbeitenden Frauen in Deutschland, u. a. in den Bereichen Erziehungswesen, Landwirtschaft, Sozialen Arbeit, Handel und Verkehr, Krankenpflege und Journalismus. In der Abteilung für bildende Kunst werden 250 ausgewählte Werke von Künstlerinnen aus Deutschland, Paris, London, Florenz und Rom gezeigt.
Käthe Kollwitz wendet sich bis 1918 verstärkt ihrem plastischen Werk zu. In den folgenden drei Jahren beschäftigt sie unter anderem das Thema ›Liebespaar‹, welches seinen Abschluss 1915 in der »Liebesgruppe«, Seeler 13, findet.
Die SPD erhält bei den Reichstagswahlen mit mehr als 4 Millionen Wählern über ein Drittel aller Stimmen und stellt die stärkste Fraktion im Parlament. An die Stelle der früheren revolutionären Einstellung tritt bei vielen Sozialdemokraten nun die Erwartung einer friedlichen Machtübernahme.
Am 20. Oktober demonstrieren nach einem Aufruf der SPD 250.000 Menschen in Berlin für ein demokratisches Wahlrecht in Preußen und gegen steigende Lebensmittelpreise sowie die Kriegsgefahr.
Auf der Großkundgebung, an der Käthe Kollwitz mit ihrem Mann und dem Sohn Peter teilnimmt, beschließen die Teilnehmer per Akklamation eine Resolution, gemeinsam mit den Arbeitern aller Länder den Krieg als Begleiterscheinung der Politik des Imperialismus zu bekämpfen.
Gerhart Hauptmann (1862–1946) erhält den Nobelpreis für Literatur.
Untergang der Titanic.
Käthe Kollwitz wechselt nach Spaltung der Berliner Secession zur Freien Secession, deren Vorstand sie von 1914 bis 1916 angehört.
Die Künstlerin ist Mitbegründerin und bis 1923 erste Vorsitzende des Frauenkunstverbandes.
Mehr lesenWeniger lesenNach mehreren erfolglosen, auch von Käthe Kollwitz unterschriebenen Bittschriften für die Aufnahme und Lehrerlaubnis von Künstlerinnen auf den Kunstakademien von 1904 bis 1908, macht der Frauenkunstverband dies zu seinem vorrangigen Ziel – eine Forderung, die in Preußen ab 1919 allmählich verwirklicht wird.
Außerdem fordert der Verband die gleichberechtigte Mitgliedschaft von Künstlerinnen in Künstlerkorporationen und Preisrichterkollegien sowie stärkere Mitarbeit in den Jurien, Ankaufs- und Hängekommissionen und veranstaltete zahlreiche Frauenkunstausstellungen.
Peter, der jüngere Sohn von Käthe Kollwitz, nimmt am Ersten Freideutschen Jugendtag auf dem Hohen Meißner teil.
Die Lithografie »Märzfriedhof«, Kn 128, entsteht als Mitgliedsgabe der Freien Volksbühne, deren Leiter Käthe Kollwitz’ Bruder Konrad Schmidt ist.
Bereits in ihrer Berliner Studienzeit führt Konrad seine Schwester auf den Friedhof der Märzgefallenen, den Käthe Kollwitz seit ihrem Umzug nach Berlin regelmäßig besucht.
Mehr lesenWeniger lesenDen Friedhof der Märzgefallenen von 1848 besuchte ich alljährlich am 18. März. Die Arbeiter zogen in langsamem Zuge vom Morgen bis zum Abend in langer Kette an den Gräbern vorbei. Auf den Grabsteinen lagen die Kränze mit den roten Schleifen und Inschriften, deren viele aber von den Polizisten abgeschnitten wurden, die am Eingang standen. [...]. Der 18. März war vor dem Kriege ein Tag, den die ganze rote Arbeiterschaft Berlins einmütig feierte.«
Johannes Sievers (1880–1969) legt das Werkverzeichnis zur Druckgrafik von Käthe Kollwitz vor.
Mehr lesenWeniger lesenJohannes Sievers grundlegendes Werkverzeichnis, das die Kunsthandlung Emil Richter Ende 1910 oder Anfang 1911 bei dem Direktorialassistenten des Berliner Kupferstichkabinetts in Auftrag gegeben hat, entsteht unter Mitarbeit von Käthe Kollwitz. Es stützt sich in erster Linie auf die Bestände des Berliner und Dresdner Kupferstich-Kabinettes sowie auf die Werke im Besitz der Künstlerin selbst.
Größte Verstärkung des Heeres seit 1871 um 136.000 auf 780.000 Mann.
Hugo Haase (1863–1919) und Friedrich Ebert (1871–1925) werden nach dem Tod von August Bebel (1840–1913) Vorsitzende der SPD.
Einweihung des Leipziger Völkerschlachtdenkmals.
Als Gegenveranstaltung feiert die Jugendbewegung den Ersten Freideutschen Jugendtag auf dem Hohen Meißner.