»Ich will wirken in dieser Zeit« Zum 75. Todestag von Käthe Kollwitz
22. April 2020

»Ich will wirken
in dieser Zeit...«

Käthe Kollwitz (1867-1945)
zum 75. Todestag

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Ich will wirken in dieser Zeit,
in der die Menschen so ratlos und hilfsbedürftig sind.«

Dieser Satz, ein Tagebucheintrag aus dem Jahr 1922 und noch heute so aktuell wie damals, entstammt nicht der Feder eines Politikers, ist nicht das Motto einer Hilfsorganisation. Er ist das Bekenntnis einer großen Künstlerin: Käthe Kollwitz (1867–1945), die mit ihren Zeichnungen, Druckgraphiken und Skulpturen weltweites Ansehen erlangte. Am 22. April 2020 jährt sich ihr Todestag zum 75. Mal.

Ihre politischen Plakate wie „Nie wieder Krieg“ (1924), eine Ikone der Friedensbewegung, die Radierung „Weberzug“ (1893/97) oder die Lithographie „Deutschlands Kinder hungern!“ (1923) gehören seit Generationen zum Kanon der Schulbuch-Illustrationen. Doch ihre Kunst umfasst weit mehr. 


Eine universelle Sprache – Sämtlichen Strömungen ihrer Zeit zum Trotz

In unseren Ausstellungen und Publikationen vermitteln wir im Käthe Kollwitz Museum Köln, wie das Œuvre der bedeutendsten deutschen Künstlerin der klassischen Moderne, die auch international höchstes Ansehen erlangte, als einzigartiges künstlerisches Solitär in der Kunstgeschichte fest verankert ist.

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Die Kollwitz lässt sich mit keinem der bekannten ‚ismen’ des
20. Jahrhunderts etikettieren. Sie kommt aus der akademischen Tradition, hat Berührung mit dem Naturalismus, dem Realismus, dem Symbolismus, dem Expressionismus und und und... Letzten Endes entwickelt sie jedoch ihre eigene Handschrift zu einem unverwechselbaren Stil – und eben dies ist die Sprache, die uns bis heute berührt, zeitlos aktuell und länderübergreifend.«
Hannelore Fischer, Direktorin des Käthe Kollwitz Museum Köln

Käthe Kollwitz, „Saatfrüchte sollen nicht vermahlen werden“, 1941, Kreidelithographie © Käthe Kollwitz Museum Köln
Käthe Kollwitz, „Saatfrüchte sollen nicht
vermahlen werden“, 1941, Kreidelithographie
© Käthe Kollwitz Museum Köln

Bei einem Ausstellungsrundgang lässt sich dies erleben. Gezeigt werden unter anderem auch die Selbstbildnisse der Künstlerin. Wie kaum eine andere hat sich Käthe Kollwitz zeitlebens selbst reflektiert – gedanklich in ihren Tagebüchern und künstlerisch in ihren Selbstportraits. Kollwitz zeigt sich nicht nur in autonomen Selbstbildnissen, sondern auch in sogenannten „verkappten“ Selbstportraits: Sie verallgemeinert im Laufe ihres Schaffens ihre Züge und weitet ihr Portrait zu einem generellen Frauentypus, vor allem dann, wenn sie sich mit einem zu bearbeitenden Thema vollkommen identifiziert. Immer wieder nimmt sie sich selbst als Modell, schlüpft in Rollen und ist so in den verschiedensten Szenen wiederzuerkennen. »Mit Kreide, Kohle oder Pinsel gezeichnet, in Kupfer geätzt, mit Stein gedruckt und in Bronze gegossen: Ihr Bildnis ist im kollektiven Gedächtnis der Menschen ihrer Zeit und bis heute fest verankert«, so Hannelore Fischer.

Kaiserzeit, Erster Weltkrieg, Weimarer Republik, Nationalsozialismus, Zweiter Weltkrieg –
Eine Biographie in Zeiten großer Umbrüche

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Niemals habe ich einen Menschen gekannt, der,
ohne selbst ein Wort zu sprechen, durch seine bloße Gegenwart
einen solchen Eindruck machte.«

Der Maler Werner Held, 1947

Geboren wurde die Kollwitz in der ostpreußischen Residenzstadt Königsberg. Ihr Vater, ein Mann mit liberal-sozialistischen Idealen, war es, der die künstlerische Veranlagung seiner Tochter früh erkannte und förderte. Zum Studium schickt die Familie sie nach Berlin und München, in sogenannten Künstlerinnenschulen erlernt sie das künstlerische Handwerk. Zum Hauptmedium ihrer Arbeit werden später jedoch die Drucktechniken, die sie überwiegend autodidaktisch erlernt.

Mit ihren ersten beiden druckgraphischen Zyklen „Ein Weberaufstand“ (1893–97) und „Bauernkrieg“ (1902–08) erwirbt Kollwitz als Künstlerin bereits früh höchste Anerkennung. Ihre Radierungen, Lithographien und später auch Holzschnitte, Auflagenwerke mit großer Verbreitung, gehen bereits zu ihren Lebzeiten in die Sammlungen namhafter Kunstinstitute wie den Kupferstich-Kabinetten in Berlin und Dresden ein. Zunehmend wird die Künstlerin auch international wahrgenommen.

Käthe Kollwitz, Die Freiwilligen, 1921/22,
Holzschnitt, Blatt 2 der Folge „Krieg“,
© Käthe Kollwitz Museum Köln

Dann der Erste Weltkrieg. Die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts wird für Käthe und Karl Kollwitz zum einschneidenden Ereignis: Der jüngere Sohn Peter fällt, nur 18 Jahre alt, wenige Tage nach seiner Einberufung. Fortan widmet sich die Kollwitz in ihrer Kunst verstärkt dem Engagement für den Frieden. In den sieben Bildern der Holzschnittfolge „Krieg“ (1921/22) bringt sie eindringlich die eigenen Erfahrungen zum Ausdruck – und erfasst damit zugleich das Erlebte all jener Menschen, die den Krieg ertragen mussten.

Mit dem Erstarken des Nationalsozialismus wandelt sich die Rezeption der Kunst dramatisch. Die Werke der Kollwitz werden in Deutschland nicht mehr ausgestellt. Der Künstlerin selbst bleibt nur der Weg in die innere Emigration. In Vorahnung auf den Zweiten Weltkrieg konzentriert sie sich von nun an auf ihr plastisches Werk.


Mahnmale für den Frieden – Das Vermächtnis der Künstlerin

Käthe Kollwitz, Mahnmal Trauernde Eltern, 1917–32,
Kopie aus der Werkstatt Ewald Mataré, Köln, 1953/54, Bundesgedenkstätte für die Toten beider Weltkriege,
Kirchenruine Alt St. Alban, Köln, eingeweiht 1959
© Käthe Kollwitz Museum Köln

Nach dem ersten Weltkrieg entsteht in jahrelanger Arbeit und intensivem Ringen um die »neue Form für den neuen Inhalt« unter anderem ihr Mahnmal „Trauernde Eltern“ (1914–32), heute auf dem Soldatenfriedhof im belgischen Vladslo, wo ihr Sohn begraben liegt. Dieses Mahnmal, die bedeutendste Grabplastik des 20. Jahrhunderts, erhält rund 25 Jahre nach seiner Fertigstellung eine zusätzliche Auszeichnung: Als erste Bundesgedenkstätte für die Toten der beiden Weltkriege wird 1959 von Bundespräsident Theodor Heuss eine Kopie der Skulpturengruppe aus der Werkstatt Ewald Mataré in der Kölner Kirchenruine Alt St. Alban eingeweiht.

Auch 1993, nach dem Umzug des Regierungssitzes vom Rhein an die Spree, ist es wieder eine Kollwitz-Plastik, die als Mahnmal in der neuen Zentralen Gedenkstätte der Bundesrepublik Deutschland aufgestellt wird: Ihre „Pietà“ (1937–39), die auf Wunsch von Bundeskanzler Helmut Kohl und in vierhundertprozentiger Vergrößerung durch den Bildhauer Harald Haacke für die Neue Wache kopiert wird.

Kollwitz‘ Werke gegen den Krieg und für soziale Gerechtigkeit sind Sinnbilder des Lebens und Überlebens. Tod, Trauer und Verzweiflung, aber auch Liebe, Geborgenheit und das Ringen um Frieden – wie kaum einer Anderen gelingt es Kollwitz, die existenziellen Themen des menschlichen Daseins in höchster künstlerischer Qualität zum Ausdruck zu bringen.


Ihre Vision – Die Idee der Bruderschaft der Menschen


Kurz vor Ende des Krieges, am 22. April 1945, stirbt die Künstlerin nach ihrer Evakuierung an ihren letzten Zufluchtsort in Moritzburg. Jutta Bohnke-Kollwitz, die Enkelin der Künstlerin, erinnert sich an eines der letzten Gespräche mit ihrer Großmutter im Herbst 1944:

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Es könnte alles so schön sein, wenn nicht dieser Wahnsinn des Krieges wäre. Sage nicht: ›Es hat schon immer Kriege gegeben‹,
damit überzeugst du mich nicht, Kriege wohl, aber nicht den Krieg.

Aber einmal wird ein neues Ideal erstehen, und es wird mit allem Krieg zu Ende sein. In dieser Überzeugung sterbe ich. Man wird hart dafür arbeiten müssen, aber man wird es erreichen.«
Ich: »Du meinst den Pazifismus?«
»Ja, wenn du unter Pazifismus mehr verstehst als nur Anti-Krieg. Es ist eine neue Idee, die Idee der Bruderschaft der Menschen.«
Jutta Bohnke: Aus der letzten Zeit,
in: Käthe Kollwitz, Tagebücher und Briefe, Berlin 1948


Galerie

Adresse

Käthe Kollwitz Museum Köln

Neumarkt 18-24 / Neumarkt Passage

50667 Köln

+49 (0)221 227 2899

+49 (0)221 227 2602

Öffnungszeiten

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Sa und So

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Feiertage

11 - 16 Uhr

Montags

geschlossen

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Von 21. - 24.9.2020 bleibt das Museum wegen Umbauarbeiten geschlossen. Ab 25.9.2020 haben wir wieder für Sie geöffnet und präsentieren unsere neue Sonderausstellung

Art Déco - Grafikdesign aus Paris (25.9.2020 - 10.1.2021)

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