In mehreren Werken, die in Zusammenhang mit Hans‘ Diphterie-Erkrankung 1908 entstandenen sind, trägt die Figur der Mutter selbstbildnishafte Züge, wie auch in dieser Radierung. Dagegen fällt auf, dass das Kind – trotz autobiografischem Bezug – deutlich jünger ist als der 1892 geborene Sohn Hans. Aber das persönliche Empfinden in Bezug auf ihre Kinder hat oft direkten Einfluss auf das Werk von Käthe Kollwitz:
Wie stark das Kreatürliche sie bestimmte, das Leidenschaftliche, das Symbiotische, das Festhaltenwollen und nicht Loslassenkönnen, die Verteidigung gegen alle Kräfte, die versuchten, die Kinder von ihr fortzureißen, auch das geht aus dem Tagebuch hervor – und aus der künstlerischen Arbeit«
Anders als auf späteren Radierungen zu diesem Themenkomplex, auf denen der Tod deutlicher mit der Mutter um das Kind ringt (Kn 119, Kn 121), wirken Mutter und Kind hier, Wange an Wange ruhend, beinahe entrückt. Fest umschlossen hält die Frau den Kopf des Jungen und dessen linke Hand. Die Köpfe sind in schmerzlicher Liebe horizontal aneinander geschmiegt.
Links im Bild sind hell und in dünnem Strich die aufrechten Beine und der Unterkörper des nackten Knaben angedeutet, unter seinem Bauch ein Skelettarm und in der linken oberen Ecke der dazu gehörende Schädel. Der Tod ist, kaum zu erkennen, in den äußersten Rand der Komposition gedrängt – es ist die eindringliche Mutter-Kind-Figuration, die das Blatt dominiert.