Das Jahrzehnt zwischen dreißig und vierzig war ein sehr glückliches in jeder Beziehung. […] So war ich in diesen Jahren zweimal in Paris. […]
Paris bezauberte mich.«
Zweimal, 1901 und 1904, besucht Käthe Kollwitz die französische Kunstmetropole — und ist »bezaubert«. Hier liegt auch die Wiege ihrer experimentell geprägten und von Farbe dominierten druckgrafischen Werkphase.
In Paris bewegt sie sich in dem anregenden Bohèmekreis ihrer Studienfreundin Maria Slavona, zu dem berühmte Künstler wie Camille Pissarro oder Kunstkritiker und Schriftsteller wie Julius Meier-Graefe gehören. Auf ihren Streifzügen durch Privatgalerien erwirbt Käthe Kollwitz ein frühes Pastell von Pablo Picasso, und auf den großen Künstlerausstellungen sieht sie Werke der Neoimpressionisten und Nabis.
Zweimal sucht sie den Bildhauer Auguste Rodin auf, den sie bewundert. Hugo von Tschudi, Direktor der Berliner Nationalgalerie, hat Rodin persönlich in einem Empfehlungsschreiben gebeten, die junge Künstlerin aus Deutschland zu empfangen. Er preist darin ihr Talent und betont, dass man sie zu den besten Künstlern zählen könne.
Während ihres zweimonatigen Aufenthalts 1904 arbeitet Käthe Kollwitz tagsüber in der Klasse für Plastik an der Académie Julian. Abends besucht sie wie viele Künstler die Vergnügungsstätten und die verruchten Lokale unter den Pariser Markthallen. Die Zeichnungen aus den Caveaux des Innocents gehören zu ihren eindrucksvollsten Arbeiten dieser Zeit.