Seit 1908 arbeitet Käthe Kollwitz für die satirische Wochenzeitschrift Simplicissimus, indem sie regelmäßig Zeichnungen an die Redaktion nach München schickt. Das Mitwirken an dieser berühmten Zeitschrift des deutschen Kaiserreiches gilt als ehrenvoll und Meilenstein in der Karriere eines jeden grafisch tätigen Künstlers –zu ihnen gehören u. a. Théophile-Alexandre Steinlen, Thomas Theodor Heine und Karl Arnold.
Bei der Wahl der Themen und der Gestaltung ihrer Blätter lässt die Redaktion Käthe Kollwitz freie Hand. Die gesellschaftskritische Einstellung des Simplicissimus ermöglicht ihr zum ersten Mal die lauten und stillen Großstadttragödien zu thematisieren. Ihre ausgeführten Zeichnungen behandeln Hunger, Kindersterblichkeit, Heimarbeit der Frauen oder die Arbeitslosigkeit und ihre Folgen. Die Redaktion behält sich vor, einige ihrer Werke mit Titeln und kurzen bissigen Bildtexten zu versehen.
Mit dem Beginn der Arbeit für den Simplicissimus schließt Käthe Kollwitz mit literarischen oder historischen Stoffen als Ausgangspunkt ihrer Werke – wie noch in den Zyklen »Ein Weberaufstand« oder »Bauernkrieg« – endgültig ab. Eine Erklärung hierfür liefern ihre autobiografischen Aufzeichnungen:
Als ich, besonders durch meinen Mann, die Schwere und Tragik der proletarischen Lebenstiefe kennenlernte […], erfaßte mich mit ganzer Stärke das Schicksal des Proletariats […]. Ungelöste Probleme wie Prostitution, Arbeitslosigkeit, quälten und beunruhigten mich und wirkten mit als Ursache dieser meiner Gebundenheit an die Darstellung des niederen Volkes und ihre immer wiederholte Darstellung öffnete mir ein Ventil oder eine Möglichkeit, das Leben zu ertragen.«