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Zeitstrahl —
Käthe Kollwitz

1867—1890
Kindheit, Jugend und Ausbildung

Sie steht der Künstlerin besonders nahe und sitzt ihr in ihrer Jugend häufig Modell. 1893 heiratet Lisbeth den aus Königsberg stammenden jüdischen Ingenieur Dr. Georg Stern (1867–1934). Das Paar lebt – wie auch Käthe Kollwitz nach ihrer Hochzeit – in Berlin. Ihre Töchter sind die Ärztin Regula Stern (1884–1980), Hanna Stern (1896–1988), die sich später als Schauspielerin Johanna Hofer nennt, und die Schauspielerinnen Katharina Stern (1897–1984) und Maria Matray (1907–1993). 

Lisbeth schreibt für die Sparte Kunst in den Sozialistischen Monatsheften, dort erscheint 1917 zum 50. Geburtstag von Käthe Kollwitz eine Würdigung. Zwei weitere einfühlsame Artikel über ihre Schwester verfasst sie 1920 für die Freie Welt und 1927, zum 60. Geburtstag der Künstlerin, für den Vorwärts. ⁢

1870

Vita

Kollwitz' jüngster Bruder Benjamin Schmidt stirbt an Meningitis.

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In diesem Haus [Wohnung in der Königsstraße] bekam meine Mutter unter Schmerzen ihr letztes sehr geliebtes Kind, das auf Wunsch meines Vaters Benjamin genannt wurde. Auch dieses Kind wurde nur ein Jahr alt und starb wie das älteste Kind an der Meningitis. Ganz starke Eindrücke habe ich aus dieser Zeit behalten. […]  Als er [der Großvater Julius Rupp aus der Stube] herauskam, stieß er auf Konrad und sagte einige ernste Worte zu ihm, meiner Erinnerung nach solche wie ›Siehst du nun wie vergänglich alles ist?‹ […] Das ist das erste Besinnen, das ich bewußt an ihn habe.«

Käthe Kollwitz, Tagebücher, Erinnerungen, 1923

Geschichte

Attentat auf Kaiser Wilhelm I. (1897–1888) und Inkrafttreten des Sozialistengesetzes

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Bismarck nutzt das Attentat, um die Auflösung des Reichstages und danach das Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie durchzusetzen. ⁢⁢Das 1878 in Kraft getretene Sozialistengesetz stellt mit dem Ziel der Beseitigung der Sozialdemokratie bis 1890 sozialdemokratische, sozialistische und kommunistische Vereine, Versammlungen und Druckschriften unter Strafe. Einzelpersonen können jedoch weiterhin für die SPD im Reichstag und bei den Landtagen kandidieren.

1878

Werk

Käthe Schmidt (Kollwitz), Arthur Schopenhauer, 1883, Bleistift auf Zeichenkarton, 158 x 120 mm, ohne NT, Kollwitz Museum Köln, Schenkung Brian McCrindle 2025
Käthe Schmidt (Kollwitz), Arthur Schopenhauer, 1883, Bleistift auf Zeichenkarton, 158 x 120 mm, ohne NT, Kollwitz Museum Köln, Schenkung Brian McCrindle 2025

Die erste erhaltene Zeichnung von Käthe Kollwitz zeigt ein Brustbild des Philosophen Arthur Schopenhauer (1788–1860), das nach einer Vorlage entstanden ist.

Geschichte

⁢Im Zuge der Sozialgesetzgebung führt Otto von Bismarcks (1815–1898) 1883 die Krankenversicherung, 1884 die Unfallversicherung und 1889 die Invaliditäts- und Altersversicherung ein.


Das Deutsche Reich wird Kolonialmacht.

1883

Vita

Käthe Kollwitz reist mit ihrer Mutter Katharina Schmidt (1837–1925) und ihrer Schwester Lisbeth (1870–1963) über Berlin und München ins Engadin.

In Erkner bei Berlin lernt sie den jungen naturalistischen Schriftsteller Gerhart Hauptmann (1862–1946) kennen. Hauptmann hatte sich mit ihrer Schwester Julie und ihrem Mann Paul Hofferichter angefreundet, die in der Nachbarschaft wohnten.

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Hauptmann […] war noch unberühmt, hatte erst das Promethidenlos geschrieben […] Mir ist erinnerlich, dass wir in einem großen Raum, aus dem wenige Stufen in den Garten führten, festlich zusammensaßen; er, seine Frau, der Maler Hugo Ernst Schmidt, Arno Holz und mein Bruder Konrad. Es war ein Abend, der nachhaltig auf uns wirkte. In dem großen Raum war eine lange Tafel, auf der Rosen lagen. Rosenkränze hatten wir alle auf, Wein wurde getrunken, Hauptmann las aus dem Julius Caesar [von Shakespeare] vor. Wir waren wohl alle, jung wie wir waren, hingerissen. Es war ein wundervoller Auftakt zu dem Leben, das sich dann allmählich, aber unaufhaltsam mir eröffnete.«

Käthe Kollwitz, Tagebücher, Rückblick, 1941

In München besucht sie die Alte Pinakothek. In der Gemäldegalerie begeistern sie besonders die Werke von Peter Paul Rubens (1577–1640) – die säugende Paniskin aus dessen »Silenszug« wird sie später in ihrer Studienzeit an der Münchener Künstlerinnenschule (1886–90) zeichnen.

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Und nun sah ich in der Pinakothek die Meister, von denen vor allem einer auf mich wirkte, aber für Jahre entscheidend: Rubens. Hingerissen hat mich Rubens. Aber was hat München auch für Rubens! [...] Ich hatte damals einen kleinen Goethe. Wenn es ganz mit mir durchging, dann schrieb ich nur an den Rand: Rubens! Rubens!«

Käthe Kollwitz, Tagebücher, Rückblick, 1941

In den Jahren 1886/87 besucht sie die Malklasse der Berliner Künstlerinnenschule bei Karl Stauffer-Bern (1857–1891).

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Der Schweizer Maler, Grafiker und Bildhauer macht sich nach seinem Akademiestudium zuerst als realistischer Portraitmaler in Berlin einen Namen. 1884 lässt er sich von seinem Freund, dem Grafiker Peter Halm (1854–1923), in die Technik der Radierung einführen und beginnt sich seit 1886 auch für die Plastik zu interessieren, der er sich 1888 ausschließlich zuwendet.

Der Lehrer unterrichtet Käthe Kollwitz zunächst in Portraitstudien, bald wird sie von ihm jedoch auf die Zeichnung zurückverwiesen, weil ihr in diesem Bereich noch wichtige Grundlagen fehlen.

⁢Später bezeichnet die Künstlerin Karl Stauffer-Bern als »den Lehrer, dem ich vielleicht alles verdanke«:

Nur einen Winter habe ich bei ihm in Berlin gelernt, aber diese Monate haben den Grund gelegt. Ich dank es ihm noch, daß wenn ich malen wollte, er mich immer und immer wieder auf die Zeichnung zurückführte.«

Unveröffentlichter Brief an Neffen des Grafikers Peter Halm, den Kunsthistoriker Peter Halm (1900–1966), 28. Juli 1927, Original im Kollwitz Museum Köln

Käthe Kollwitz lernt auf der Berliner Künstlerinnenschule Beate Jeep (1865–1954) kennen. Die Studienkollegin wird eine enge Freundin der Künstlerin und steht ihr bei vielen Arbeiten ratgebend zur Seite.

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Beate Jeep heiratet 1895 den um ein Jahr älteren Pfarrer und Schriftsteller Arthur Bonus. Das Paar verbindet eine lebenslange Freundschaft mit dem Ehepaar Käthe und Karl Kollwitz.

⁢Nach dem Tod von Käthe Kollwitz setzt Beate Bonus-Jeep der Freundschaft in dem Buch Sechzig Jahre Freundschaft mit Käthe Kollwitz ein Denkmal. Es erscheint 1948 im Karl Rauch Verlag.

Geschichte

Mit dem Streikerlass des preußischen Innenministers Robert Victor von Puttkamer (1828–1900) vom 11. April 1886 werden das Koalitions- und Streikrecht zwar grundsätzlich anerkannt, Streiks mit sozialdemokratischer Agitation aber für politisch und damit illegal erklärt. Damit wird in Preußen wieder eine verschärfte Anwendung des Sozialistengesetzes eingeleitet, nachdem es 1881–1886 etwas milder gehandhabt worden ist. 


Samuel Fischer (1859–1934) gründet in Berlin den Verlag S. Fischer, der bald zum führenden Publikationshaus des Naturalismus und der klassischen Moderne deutscher Sprache aufsteigt. Zu seinen Autoren zählen später unter anderem Alfred Döblin, Gerhart Hauptmann, Hermann Hesse, Hugo von Hofmannsthal, Thomas Mann, Arthur Schnitzler oder Carl Zuckmayer.

1886

Vita

Im Juli geben die Eltern die Verlobung ihrer Tochter Käthe mit dem angehenden Arzt Karl Kollwitz (1863–1940) öffentlich bekannt.


Das Schwarz-Weiß-Foto aus dem Jahr 1889 zeigt eine Gruppe von elf jungen Frauen aus der Münchner Malklasse von Ludwig Herterich, um 1889, Käthe Schmidt sitzend als zweite von rechts, die in lockeren Posen zwischen Staffeleien und Leinwänden im Atelier verteilt sind. Die Frauen tragen hochgeschlossene, zeitgenössische Kleider und halten teilweise Malutensilien wie Paletten oder – als humorvolles Detail – einen Bierkrug in den Händen. Der Raum wirkt lebendig und unkonventionell, wobei einige der Künstlerinnen auf dem Boden sitzen, während andere im Hintergrund stehen oder auf Hockern thronen.
Die Münchner Malklasse von Ludwig Herterich, um 1889, Käthe Schmidt sitzend, zweite von rechts, Fotograf unbek., s/w Reproabzug, Nachlass Kollwitz, Kollwitz Museum Köln, Archiv, R-01.c-01.

Ab Oktober studiert Käthe Kollwitz für zwei Jahre an der Damenakademie des Künstlerinnen-Vereins München bei Ludwig Herterich (1856–1932).

⁢Herterich erlangt vor allem als Porträtist und Monumentalmaler Bedeutung und ist ein führender Repräsentant der Münchner Schule.
Seine Farbbehandlung, welche die gestalterischen Mittel der tonigen Malerei mit der aufgehellten Palette der naturalistischen Freilichtmaler verbindet, ist für die junge Künstlerin noch ungewohnt.

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[Herterichs] ausgesprochene koloristische Kunst fand ich nicht meinem Gefühl oder meiner Art, Farben zu sehen, entsprechend. Ich gebrauchte einen Trick, um unter die Geachteteren der Klasse zu kommen: ich malte so, wie ich wußte, daß er wünschte, daß ich malen sollte. [...] Der Tag war besetzt mit Arbeit, abends genoß man, ging auf Bierkeller, machte Ausflüge in die Umgebung und fühlte sich frei, weil man seinen eigenen Hausschlüssel hatte.«

Käthe Kollwitz, Tagebücher, Rückblick, 1941


In München genießt Käthe Kollwitz das freie Künstlerleben. Sie nimmt an privaten, von Schülerinnen der Damenakademie organisierten Kompositionsabenden mit Studenten der Münchner Akademie teil – die einzige Möglichkeit der jungen Künstlerinnen, auch mehrfigurige Kompositionen zu üben.

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Für diese Abende wurde ein Thema gestellt. So besinne ich mich auf ein Thema ›Kampf‹. Ich wählte die Szene aus [Emile Zolas Roman] ›Germinal‹, wo in dem verrauchten Lokal um die junge Kathrin von zwei Männern gekämpft wird. Diese Komposition wurde anerkannt. Zum ersten Mal fühlte ich mich bestätigt auf meinem Wege, große Perspektiven öffneten sich meiner Phantasie, und die Nacht war schlaflos vor Glückserwartung.« 

Käthe Kollwitz, Tagebücher, Rückblick, 1941

In dieser Zeit setzt sich – angeführt von Fritz von Uhde (1848–1911) und Max Liebermann (1847–1935) – die naturalistische Freilichtmalerei mit Schilderungen des alltäglichen Lebens aus dem einfachen Volk durch. 

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Beeinflusst von der Kunst ihres prägenden Vorbilds Max Liebermann beginnt Käthe Kollwitz nach Abschluss ihres Studiums in München damit,  das Arbeiterleben in seinen charakteristischen Situationen zunächst frei von jeglicher Sozialkritik wiederzugeben. ⁢Rückblickend erinnert sich die Künstlerin:⁢⁢

Ganz gewiß ist meine Arbeit schon [...] durch die Einstellung meines Vaters, meines Bruders, durch die ganze Literatur jener Zeit auf den Sozialismus hingewiesen. Das eigentliche Motiv aber, warum ich [...] zur Darstellung fast nur das Arbeiterleben wählte, war, weil die aus dieser Sphäre gewählten Motive mir [...] das gaben, was ich als schön empfand. [...] Nur dies will ich [...] betonen, daß anfänglich in sehr geringem Maße Mitleid, Mitempfinden mich zur Darstellung des proletarischen Lebens zog, sondern daß ich es einfach als schön empfand. Wie Zola oder jemand einmal sagte, ›Le beau c`est le laid.‹«

Käthe Kollwitz, Tagebücher, Rückblick, 1941

In München beschäftigt sich Käthe Kollwitz erstmals mit dem Diskurs der Frauenfrage.

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Diese Thematik findet sie in den druckgrafischen Zyklen von Max Klinger (1857–1920) wieder – seiner 1884 erschienen Folge »Ein Leben«, die sie als erstes Werk von Klinger während ihrer Berliner Studienzeit kennenlernt, und in seinem 1887 vollendeten Zyklus »Eine Liebe«, die sie vermutlich 1888 in München auf der Internationalen Ausstellung im Glaspalast sieht.

⁢Die Schülerinnen der Damenakademie lesen außerdem begeistert die naturalistischen Schriftsteller Henrik Ibsen (1828–1906) und Bjørnstjerne Bjørnson (1832–1910), gerade auch in Bezug auf die Frauenemanzipation.

⁢Käthe Kollwitz findet dafür darüber hinaus Bestätigung bei dem sozialdemokratischen Politiker August Bebel (1840–1913), den sie in einer Versammlung sprechen hört und dessen Buch Die Frau und der Sozialismus sie liest – es zählt mit 52 Auflagen und zahlreichen Übersetzungen zum Bestseller sozialistischer Literatur im 19. Jahrhundert.

Werk

Käthe Kollwitz, Zweikampf im Wirtshaus, Kohle und braune Kreide, gewischt, Pinsel in Sepia auf bräunlichem Papier, 1888, NT 9, Kupferstich-Kabinett, Dresden 
Käthe Kollwitz, Zweikampf im Wirtshaus, Kohle und braune Kreide, gewischt, Pinsel in Sepia auf bräunlichem Papier, 1888, NT 9, Kupferstich-Kabinett, Dresden 

Es entstehen Arbeiten zu Themen der Geschlechterproblematik.

Erste Zeichnungen zu der Streitszene aus dem Roman Germinal von Emile Zola (1840–1902), in der zwei Männer um Kathrin kämpfen – wie »Zweikampf im Wirtshaus«, NT 9, – behandeln ein für den Handlungsablauf nicht zentrales Eifersuchtsdrama, ungeachtet der sozialkritischen Thematik des Romans.


Weitere frühe Werke wie etwa die Tuschfeder- und Pinselzeichnung »Frauenschicksal«, NT (17a), thematisieren – in Anlehnung an die Gretchenthematik aus dem Faust von Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832) – die Not von Frauen durch ungewollte Schwangerschaft.

⁢Dieses Thema findet spätestens 1893 einen Niederschlag in der Radierung »Frau an der Kirchenmauer«, Kn 17, und wird Ende der 1890er Jahre noch einmal in einer Lithografie und einer Radierung aufgenommen. 

Geschichte

⁢Im Dreikaiserjahr 1888 stirbt Wilhelm I. (1797–1888) am 9. März. Nach Friedrich III. (1831–1888), der der nach 99 Tagen Regentschaft am 15. Juni einem Krebsleiden erliegt, besteigt Wilhelm II. (1859–1941) den Thron.


Am 18. Februar wird das Sozialistengesetz zum letzten Mal verlängert.

1888