Käthe Kollwitz, geb. Schmidt, kommt am 8. Juli 1867 im ostpreußischen Königsberg (heute Kaliningrad) als fünftes Kind von Carl Schmidt (1825–1898) und Katharina Schmidt, geb. Rupp (1837–1925), zur Welt.
In ihrer persönlichen Entwicklung wird sie entscheidend geprägt von ihrem Vater, ihrem Bruder Konrad Schmidt (1863–1932) und den Persönlichkeiten der Freien evangelischen Gemeinde in Königsberg, welche von ihrem Großvater mütterlicherseits, Julius Rupp (1809–1884), gegründet wurde.
Ihr Großvater, ein politisch liberaler Königsberger Theologe, Lehrer und Divisionspfarrer, steht für Lehr- und Gewissensfreiheit und lehnt die Abhängigkeit der Kirche vom Staat sowie Glaubens- und Symbolzwänge ab. Er verliert deshalb 1845 seine Ämter und gründet 1846 in Königsberg die erste Freie evangelische Gemeinde in Deutschland – eine Glaubensgemeinschaft, in der alle Mitglieder, auch die Frauen, Stimmrecht besitzen. Sie stellt kein gemeinsames Glaubensbekenntnis auf, da Rupp für unbedingte Gewissensfreiheit und die freie, sittlich-religiöse Selbstbestimmung des Einzelnen, verbunden mit dem Streben nach Selbsterkenntnis und Wahrheit, eintritt.
1848 hält Julius Rupp eine Rede auf die Märzgefallenen, die in ganz Deutschland Aufsehen erregt. 1849 gehört er dem Preußischen Abgeordnetenhaus als Unabhängiger, 1862/63 als Mitglied der Fortschrittspartei an.
Wenn ich auch zu wissen glaubte, daß die religiöse Kraft des Großvaters nicht in mir lebte, so blieb zum mindesten Pietät im mir zurück für seine Lehre, seine Person und das ganze Gemeindebild. Ich möchte sagen, daß ich […] Großvater und Vater, als von beiden abstammend, in mir fühlte. Den Vater in unmittelbarer Nähe, weil er für mich der Hinüberführer zum Sozialismus war, Sozialismus verstanden als ersehnte Bruderschaft der Menschheit. Hinter dem aber stand Rupp, die Persönlichkeit in der Beziehung […] zu Gott. Der religiöse Mensch.«
Der republikanisch gesinnte Vater studiert Jura und versucht sich während der 1848er Revolution am Freiheitskampf der Ungarn zu beteiligen. 1853 wird er gezwungen, seine juristische Laufbahn aufgrund seiner Zugehörigkeit zur Freien evangelischen Gemeinde aufzugeben. Er erlernt daraufhin das Maurerhandwerk und wird erfolgreicher Bauunternehmer.
1860 heiratet er Katharina Rupp (1837–1925), die älteste Tochter des Gemeindegründers. Nach dem Tod Julius Rupps Tod 1884 übernimmt er dessen Amt des Predigers. 1887 tritt Carl Schmidt in die SPD ein.
Käthe Kollwitz' älterer Bruder studiert Nationalökonomie in Berlin und promoviert 1886 an der Universität Königsberg mit einem Vergleich der Lohn- und Ausbeutungstheorien von Johann Karl Rodbertus und Karl Marx.
Ab 1887 besucht er mehrmals den Philosophen, Gesellschaftstheoretiker und Unternehmer Friedrich Engels (1820–1895), es entsteht ein reger Briefwechsel. Begeistert von den Ideen der internationalen und deutschen Arbeiterbewegung tritt er in die SPD ein.
Als Sozialist und Dissident ist Konrad Schmidt eine Universitätslaufbahn zunächst versagt. Erst ab 1890 ist er Privatdozent an der Universität von Zürich und arbeitet journalistisch als Handelsredakteur bei der Züricher Post, ab 1895 zeitweilig für die sozialdemokratische Wochenzeitschrift Vorwärts, seit 1908 ist er für die Sozialistischen Monatshefte tätig.
Eine Kandidatur für den Reichstag im Jahr 1898 bleibt erfolglos. 1919 wird er zum Professor für Nationalökonomie am Berliner Polytechnikum ernannt.
Konrad Schmidt begeistert sich für den literarischen Naturalismus und übernimmt 1897 die Leitung der von ihm 1890 mitgegründeten Berliner Freien Volksbühne. Ziel des von Zensurbehörden unabhängigen Vereins ist, Stücke nicht nur nach ästhetischen Gesichtspunkten aufzuführen, sondern auch dem Proletariat einen Zugang zum Theater zu ermöglichen.
[Konrad] hatte besonders in der Entwicklungszeit viel Einfluß auf mich u. bestimmte damals meine Lektüre.«
Otto von Bismarck (1815–1898) wird erster Bundeskanzler des 1866 gegründeten Norddeutschen Bundes.
Fünf Jahre später, am 18. Januar 1871, wird Wilhelm I. von Preußen (1797–1888) im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles zum Deutschen Kaiser ausgerufen. Damit entsteht aus dem Norddeutschen Bund und den vier süddeutschen Staaten der erste deutsche Nationalstaat unter preußischer Führung mit Otto von Bismarck als erstem Kanzler des Deutschen Reiches.
Seit der 1848er Revolution sind die Frauenrechte stark eingeschränkt. Es gründen sich nichtstaatliche Institutionen: 1867 der Verein Berliner Künstlerinnen und Kunstfreundinnen, der älteste und renommierteste Berufsverband kunsttätiger Frauen im deutschsprachigen Raum. Ein Jahr später eröffnet der Verein die erste Mal- und Zeichenschule für Frauen in Berlin.
Sie steht der Künstlerin besonders nahe und sitzt ihr in ihrer Jugend häufig Modell. 1893 heiratet Lisbeth den aus Königsberg stammenden jüdischen Ingenieur Dr. Georg Stern (1867–1934). Das Paar lebt – wie auch Käthe Kollwitz nach ihrer Hochzeit – in Berlin. Ihre Töchter sind die Ärztin Regula Stern (1884–1980), Hanna Stern (1896–1988), die sich später als Schauspielerin Johanna Hofer nennt, und die Schauspielerinnen Katharina Stern (1897–1984) und Maria Matray (1907–1993).
Lisbeth schreibt für die Sparte Kunst in den Sozialistischen Monatsheften, dort erscheint 1917 zum 50. Geburtstag von Käthe Kollwitz eine Würdigung. Zwei weitere einfühlsame Artikel über ihre Schwester verfasst sie 1920 für die Freie Welt und 1927, zum 60. Geburtstag der Künstlerin, für den Vorwärts.
In der zweiten Hälfte der 1870er Jahre wandelt der Vater Carl Schmidt (1825–1898) seine Baufirma in eine Genossenschaft um, bald danach verkauft er das Unternehmen. Die Familie zieht in eine Wohnung in der vornehmen Königsberger Königsstraße.
In den Sommerferien erholt man sich im Ferienbad Rauschen an der Ostseeküste.
Auf dem Gothaer Parteikongress (22.–27. Mai) schließen sich die Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP) und der Allgemeine deutsche Arbeiterverein (ADAV) zur Sozialisten Arbeiterpartei (SAP) zusammen.
Der Historienmaler Anton von Werner (1843–1915), bevorzugter Künstler Wilhelms II., wird zum Direktor der Hochschule für die bildenden Künste in Berlin, der sogenannten Berliner Akademie, ernannt. Von Werner lehnt die modernen Stilrichtungen, den Naturalismus und Impressionismus, ab.
Adolph von Menzel (1815–1905) stellt mit seinem Gemälde »Eisenwalzwerk« die erste größere Industriedarstellung in Deutschland fertig.
In diesem Haus [Wohnung in der Königsstraße] bekam meine Mutter unter Schmerzen ihr letztes sehr geliebtes Kind, das auf Wunsch meines Vaters Benjamin genannt wurde. Auch dieses Kind wurde nur ein Jahr alt und starb wie das älteste Kind an der Meningitis. Ganz starke Eindrücke habe ich aus dieser Zeit behalten. […] Als er [der Großvater Julius Rupp aus der Stube] herauskam, stieß er auf Konrad und sagte einige ernste Worte zu ihm, meiner Erinnerung nach solche wie ›Siehst du nun wie vergänglich alles ist?‹ […] Das ist das erste Besinnen, das ich bewußt an ihn habe.«
Attentat auf Kaiser Wilhelm I. (1897–1888) und Inkrafttreten des Sozialistengesetzes
Bismarck nutzt das Attentat, um die Auflösung des Reichstages und danach das Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie durchzusetzen. Das 1878 in Kraft getretene Sozialistengesetz stellt mit dem Ziel der Beseitigung der Sozialdemokratie bis 1890 sozialdemokratische, sozialistische und kommunistische Vereine, Versammlungen und Druckschriften unter Strafe. Einzelpersonen können jedoch weiterhin für die SPD im Reichstag und bei den Landtagen kandidieren.
Käthe Kollwitz erhält ersten Zeichenunterricht. Ihr Lehrer ist der Kupferstecher Rudolf Mauer (1845–1905), der an der Königsberger Akademie Unterricht in der unteren Freihand-Zeichenklasse sowie der Abendklasse für Zeichnen nach Gipsen erteilt. Später kommen Privatstunden bei dem Maler Friedrich Naujok (Lebensdaten unsicher) hinzu.
Die Ausbildung zur Künstlerin verdankt sie ihrem Vater:
Mehr lesenWeniger lesenLeider war ich ein Mädchen, aber auch so wollte er [der Vater] alles daransetzen. Er rechnete damit, daß, da ich kein hübsches Mädchen war, mir Liebessachen nicht sehr hinderlich in den Weg kommen würden; [...] Fürs erste bekam ich Unterricht bei dem Kupferstecher Mauer. Es waren wohl noch ein oder zwei andere Mädchen dabei. Wir zeichneten Köpfe nach Gips und nach Vorlagen.«
Die Eltern lassen ihren Töchtern im Verhältnis zu bürgerlichen Mädchen ihrer Zeit viele Freiheiten. Auch der Bücherschrank steht ihr offen. Sie liest Schiller und Goethe, den sie ihr Leben lang besonders schätzt.
Nachmittags streift sie mit ihrer jüngeren Schwester Lisbeth (1870–1963) durch Königsberg mit seinem Hafenviertel. Diese Streifzüge legen den Grund für ihre spätere künstlerische Auseinandersetzung mit der Welt der Arbeiter.
Mehr lesenWeniger lesenWir bummelten durch die ganze Stadt und zu den Toren heraus, ließen uns über den Pregel setzen und strichen am Hafen herum. Dann standen wir wieder und sahen den Sackträgern zu, dem Auf- und Abladen der Schiffe. [...] Wir wußten, wo die Witinnen, die Getreideschiffe, lagen mit den Jimkes drauf in Schafspelzen und mit lappenumwickelten Füßen. Russen oder Litauer waren das, gutmütige Leute. Abends spielten sie auf den flachen Schiffen die Ziehharmonika und tanzten dazu. [...] Wenn meine späteren Arbeiten durch eine ganze Periode nur aus der Arbeiterwelt schöpften, so liegt der Grund dazu in jenen Streifereien durch die enge, arbeiterreiche Handelsstadt.«
In Berlin eröffnet das erste öffentliche Fernsprechamt. Mit 48 Anschlüssen ist es das erste Ortsnetz in Deutschland.
Die erste elektrische Straßenbahn der Welt wird in Lichterfelde bei Berlin in Betrieb genommen.
Die erste erhaltene Zeichnung von Käthe Kollwitz zeigt ein Brustbild des Philosophen Arthur Schopenhauer (1788–1860), das nach einer Vorlage entstanden ist.
Im Zuge der Sozialgesetzgebung führt Otto von Bismarcks (1815–1898) 1883 die Krankenversicherung, 1884 die Unfallversicherung und 1889 die Invaliditäts- und Altersversicherung ein.
Das Deutsche Reich wird Kolonialmacht.
1884 oder 1885 verlobt sich die Künstlerin heimlich mit Karl Kollwitz (1863–1940).
Mehr lesenWeniger lesenDer Medizinstudent ist bereits seit der Schulzeit mit Käthes Bruder Konrad Schmidt befreundet und gehört der Freien Evangelischen Gemeinde an.
Karl Kollwitz beendet sein Studium an der Königsberger Albertus-Magnus-Universität mit Promotion zum Dr. med. und eröffnet 1891, nach der Heirat mit Käthe Schmidt, im Berliner Arbeiterbezirk Prenzlauer Berg als Allgemeinmediziner eine Kassenarztpraxis.
1913 ist er Mitbegründer des Sozialdemokratischen Ärztevereins, außerdem ist er Mitglied des Jugendfürsorgeausschusses im Stadtteil Prenzlauer Berg. Nach der Novemberrevolution 1919 engagiert er sich als Stadtverordneter der SPD in der Berliner Kommunalpolitik.
Käthe Kollwitz zeichnet beispielsweise nach dem Gemälde »Luther verbrennt die Bannbulle« (1853) von Carl Friedrich Lessing (1808–1880) oder eine Illustration der Arbeiterwelt nach dem romantischen, nicht sozialkritischen Gedicht »Die Auswanderer« von Ferdinand Freiligrath (1810–1876). Von diesen frühen Arbeiten der Künstlerin hat sich keine einzige erhalten.
Meine frühen Zeichnungen sind fast alle Anekdoten. Alles mögliche was passiert ist gezeichnet, Gesehenes und Ausgedachtes. Also auch da schon wenn man will ›Auseinandersetzung mit dem Leben‹.«
Emile Zola (1840–1902) veröffentlicht seinen Roman Germinal.
Käthe Kollwitz reist mit ihrer Mutter Katharina Schmidt (1837–1925) und ihrer Schwester Lisbeth (1870–1963) über Berlin und München ins Engadin.
In Erkner bei Berlin lernt sie den jungen naturalistischen Schriftsteller Gerhart Hauptmann (1862–1946) kennen. Hauptmann hatte sich mit ihrer Schwester Julie und ihrem Mann Paul Hofferichter angefreundet, die in der Nachbarschaft wohnten.
Mehr lesenWeniger lesenHauptmann […] war noch unberühmt, hatte erst das Promethidenlos geschrieben […] Mir ist erinnerlich, dass wir in einem großen Raum, aus dem wenige Stufen in den Garten führten, festlich zusammensaßen; er, seine Frau, der Maler Hugo Ernst Schmidt, Arno Holz und mein Bruder Konrad. Es war ein Abend, der nachhaltig auf uns wirkte. In dem großen Raum war eine lange Tafel, auf der Rosen lagen. Rosenkränze hatten wir alle auf, Wein wurde getrunken, Hauptmann las aus dem Julius Caesar [von Shakespeare] vor. Wir waren wohl alle, jung wie wir waren, hingerissen. Es war ein wundervoller Auftakt zu dem Leben, das sich dann allmählich, aber unaufhaltsam mir eröffnete.«
In München besucht sie die Alte Pinakothek. In der Gemäldegalerie begeistern sie besonders die Werke von Peter Paul Rubens (1577–1640) – die säugende Paniskin aus dessen »Silenszug« wird sie später in ihrer Studienzeit an der Münchener Künstlerinnenschule (1886–90) zeichnen.
Mehr lesenWeniger lesenUnd nun sah ich in der Pinakothek die Meister, von denen vor allem einer auf mich wirkte, aber für Jahre entscheidend: Rubens. Hingerissen hat mich Rubens. Aber was hat München auch für Rubens! [...] Ich hatte damals einen kleinen Goethe. Wenn es ganz mit mir durchging, dann schrieb ich nur an den Rand: Rubens! Rubens!«
In den Jahren 1886/87 besucht sie die Malklasse der Berliner Künstlerinnenschule bei Karl Stauffer-Bern (1857–1891).
Mehr lesenWeniger lesenDer Schweizer Maler, Grafiker und Bildhauer macht sich nach seinem Akademiestudium zuerst als realistischer Portraitmaler in Berlin einen Namen. 1884 lässt er sich von seinem Freund, dem Grafiker Peter Halm (1854–1923), in die Technik der Radierung einführen und beginnt sich seit 1886 auch für die Plastik zu interessieren, der er sich 1888 ausschließlich zuwendet.
Der Lehrer unterrichtet Käthe Kollwitz zunächst in Portraitstudien, bald wird sie von ihm jedoch auf die Zeichnung zurückverwiesen, weil ihr in diesem Bereich noch wichtige Grundlagen fehlen.
Später bezeichnet die Künstlerin Karl Stauffer-Bern als »den Lehrer, dem ich vielleicht alles verdanke«:
Nur einen Winter habe ich bei ihm in Berlin gelernt, aber diese Monate haben den Grund gelegt. Ich dank es ihm noch, daß wenn ich malen wollte, er mich immer und immer wieder auf die Zeichnung zurückführte.«
Käthe Kollwitz lernt auf der Berliner Künstlerinnenschule Beate Jeep (1865–1954) kennen. Die Studienkollegin wird eine enge Freundin der Künstlerin und steht ihr bei vielen Arbeiten ratgebend zur Seite.
Mehr lesenWeniger lesenBeate Jeep heiratet 1895 den um ein Jahr älteren Pfarrer und Schriftsteller Arthur Bonus. Das Paar verbindet eine lebenslange Freundschaft mit dem Ehepaar Käthe und Karl Kollwitz.
Nach dem Tod von Käthe Kollwitz setzt Beate Bonus-Jeep der Freundschaft in dem Buch Sechzig Jahre Freundschaft mit Käthe Kollwitz ein Denkmal. Es erscheint 1948 im Karl Rauch Verlag.
Mit dem Streikerlass des preußischen Innenministers Robert Victor von Puttkamer (1828–1900) vom 11. April 1886 werden das Koalitions- und Streikrecht zwar grundsätzlich anerkannt, Streiks mit sozialdemokratischer Agitation aber für politisch und damit illegal erklärt. Damit wird in Preußen wieder eine verschärfte Anwendung des Sozialistengesetzes eingeleitet, nachdem es 1881–1886 etwas milder gehandhabt worden ist.
Samuel Fischer (1859–1934) gründet in Berlin den Verlag S. Fischer, der bald zum führenden Publikationshaus des Naturalismus und der klassischen Moderne deutscher Sprache aufsteigt. Zu seinen Autoren zählen später unter anderem Alfred Döblin, Gerhart Hauptmann, Hermann Hesse, Hugo von Hofmannsthal, Thomas Mann, Arthur Schnitzler oder Carl Zuckmayer.
Nach ihrer Rückkehr aus Berlin erhält Käthe Kollwitz in Königsberg Unterricht bei dem Genre- und Bildnismaler Emil Neide (1843–1908).
Mehr lesenWeniger lesenEmil Neide ist ein in Ostpreußen anerkannter Maler und Akademieprofessor. Er arbeitet unter anderem an der Ausschmückung der Aula der Königsberger Universität und der Aulen mehrerer Gymnasien in Insterburg und Königsberg mit, wo er mit mythologischen Themen und Darstellungen zur Geschichte Preußens hervortritt.
Der Vater verfolgt für seine Tocher das Ziel einer Ausbildung zur Historienmalerin, die als anspruchsvollste Gattung, aber auch reine Männerdomäne gilt. Käthe Kollwitz lehnt die konservative wilhelminische Historienmalerei jedoch ab. Im Mittelpunkt ihres Interesses stehen die Auseinandersetzung mit dem Leben und die Darstellung des Alltags. Von Emil Neide schätzt sie lediglich das nüchterne Genrebild »Am Orte der Tat« (um 1886), das die Auffindung der Leiche eines Ermordeten darstellt.
Nach Königsberg zurückgekehrt, wurde der Akademieprofessor Neide mein Lehrer und allmählich durfte ich unter ihm daran denken, ›Bilder‹ zu malen. Es war eine triste Zeit, ich hatte reichlichen Malkater, und so griffen meine Eltern auf eine Weise ein, für die ich ihnen noch herzlich dankbar bin. Sie schickten mich auf 2 Jahre [...] nach München.«
Die Familie Schmidt bekommt die Auswirkungen des Sozialistengesetzes zu spüren: Die Polizei führt eine Hausdurchsuchung durch.
Mehr lesenWeniger lesenIhr Bruder Konrad Schmidt (1863–1932) hatte in London Friedrich Engels (1820–1895) besucht. In einer an ihn adressierten Büchersendung aus England wurden in Deutschland verbotene sozialdemokratische Schriften gefunden. Eine Anklage wird jedoch niedergeschlagen.
Kurz darauf treten Konrad und der Vater in die Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands (SAP) ein. Auch ihr Verlobter Karl Kollwitz ist Sozialdemokrat. Käthe Kollwitz ist als Frau die Mitgliedschaft in einer Partei noch verboten. Sie fühlt sich seit jenen Ereignissen aber der Sozialdemokratie zugehörig und bezeichnete ihren Vater später als »Hinüberführer zum Sozialismus«.
Der Erfinder Emil Berliner (1851–1929) lässt das Grammophon patentieren.
Im Juli geben die Eltern die Verlobung ihrer Tochter Käthe mit dem angehenden Arzt Karl Kollwitz (1863–1940) öffentlich bekannt.
Ab Oktober studiert Käthe Kollwitz für zwei Jahre an der Damenakademie des Künstlerinnen-Vereins München bei Ludwig Herterich (1856–1932).
Herterich erlangt vor allem als Porträtist und Monumentalmaler Bedeutung und ist ein führender Repräsentant der Münchner Schule.
Seine Farbbehandlung, welche die gestalterischen Mittel der tonigen Malerei mit der aufgehellten Palette der naturalistischen Freilichtmaler verbindet, ist für die junge Künstlerin noch ungewohnt.
[Herterichs] ausgesprochene koloristische Kunst fand ich nicht meinem Gefühl oder meiner Art, Farben zu sehen, entsprechend. Ich gebrauchte einen Trick, um unter die Geachteteren der Klasse zu kommen: ich malte so, wie ich wußte, daß er wünschte, daß ich malen sollte. [...] Der Tag war besetzt mit Arbeit, abends genoß man, ging auf Bierkeller, machte Ausflüge in die Umgebung und fühlte sich frei, weil man seinen eigenen Hausschlüssel hatte.«
In München genießt Käthe Kollwitz das freie Künstlerleben. Sie nimmt an privaten, von Schülerinnen der Damenakademie organisierten Kompositionsabenden mit Studenten der Münchner Akademie teil – die einzige Möglichkeit der jungen Künstlerinnen, auch mehrfigurige Kompositionen zu üben.
Mehr lesenWeniger lesenFür diese Abende wurde ein Thema gestellt. So besinne ich mich auf ein Thema ›Kampf‹. Ich wählte die Szene aus [Emile Zolas Roman] ›Germinal‹, wo in dem verrauchten Lokal um die junge Kathrin von zwei Männern gekämpft wird. Diese Komposition wurde anerkannt. Zum ersten Mal fühlte ich mich bestätigt auf meinem Wege, große Perspektiven öffneten sich meiner Phantasie, und die Nacht war schlaflos vor Glückserwartung.«
In dieser Zeit setzt sich – angeführt von Fritz von Uhde (1848–1911) und Max Liebermann (1847–1935) – die naturalistische Freilichtmalerei mit Schilderungen des alltäglichen Lebens aus dem einfachen Volk durch.
Mehr lesenWeniger lesenBeeinflusst von der Kunst ihres prägenden Vorbilds Max Liebermann beginnt Käthe Kollwitz nach Abschluss ihres Studiums in München damit, das Arbeiterleben in seinen charakteristischen Situationen zunächst frei von jeglicher Sozialkritik wiederzugeben. Rückblickend erinnert sich die Künstlerin:
Ganz gewiß ist meine Arbeit schon [...] durch die Einstellung meines Vaters, meines Bruders, durch die ganze Literatur jener Zeit auf den Sozialismus hingewiesen. Das eigentliche Motiv aber, warum ich [...] zur Darstellung fast nur das Arbeiterleben wählte, war, weil die aus dieser Sphäre gewählten Motive mir [...] das gaben, was ich als schön empfand. [...] Nur dies will ich [...] betonen, daß anfänglich in sehr geringem Maße Mitleid, Mitempfinden mich zur Darstellung des proletarischen Lebens zog, sondern daß ich es einfach als schön empfand. Wie Zola oder jemand einmal sagte, ›Le beau c`est le laid.‹«
In München beschäftigt sich Käthe Kollwitz erstmals mit dem Diskurs der Frauenfrage.
Mehr lesenWeniger lesenDiese Thematik findet sie in den druckgrafischen Zyklen von Max Klinger (1857–1920) wieder – seiner 1884 erschienen Folge »Ein Leben«, die sie als erstes Werk von Klinger während ihrer Berliner Studienzeit kennenlernt, und in seinem 1887 vollendeten Zyklus »Eine Liebe«, die sie vermutlich 1888 in München auf der Internationalen Ausstellung im Glaspalast sieht.
Die Schülerinnen der Damenakademie lesen außerdem begeistert die naturalistischen Schriftsteller Henrik Ibsen (1828–1906) und Bjørnstjerne Bjørnson (1832–1910), gerade auch in Bezug auf die Frauenemanzipation.
Käthe Kollwitz findet dafür darüber hinaus Bestätigung bei dem sozialdemokratischen Politiker August Bebel (1840–1913), den sie in einer Versammlung sprechen hört und dessen Buch Die Frau und der Sozialismus sie liest – es zählt mit 52 Auflagen und zahlreichen Übersetzungen zum Bestseller sozialistischer Literatur im 19. Jahrhundert.
Es entstehen Arbeiten zu Themen der Geschlechterproblematik.
Erste Zeichnungen zu der Streitszene aus dem Roman Germinal von Emile Zola (1840–1902), in der zwei Männer um Kathrin kämpfen – wie »Zweikampf im Wirtshaus«, NT 9, – behandeln ein für den Handlungsablauf nicht zentrales Eifersuchtsdrama, ungeachtet der sozialkritischen Thematik des Romans.
Weitere frühe Werke wie etwa die Tuschfeder- und Pinselzeichnung »Frauenschicksal«, NT (17a), thematisieren – in Anlehnung an die Gretchenthematik aus dem Faust von Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832) – die Not von Frauen durch ungewollte Schwangerschaft.
Dieses Thema findet spätestens 1893 einen Niederschlag in der Radierung »Frau an der Kirchenmauer«, Kn 17, und wird Ende der 1890er Jahre noch einmal in einer Lithografie und einer Radierung aufgenommen.
Im Dreikaiserjahr 1888 stirbt Wilhelm I. (1797–1888) am 9. März. Nach Friedrich III. (1831–1888), der der nach 99 Tagen Regentschaft am 15. Juni einem Krebsleiden erliegt, besteigt Wilhelm II. (1859–1941) den Thron.
Am 18. Februar wird das Sozialistengesetz zum letzten Mal verlängert.
Nach ihrer Rückkehr aus München mietet die Künstlerin in Königsberg ihr erstes Atelier.
Kollwitz liest die einzige unter dem Sozialistengesetz legal erscheinende sozialdemokratische Zeitung Berliner-Volks-Tribüne, bei der ihr Bruder Konrad Schmidt (1863–1932) für kurze Zeit leitender Redakteur ist.
Kollwitz plant, ihre 1888 in München gezeichnete »Streitszene«, NT 9, aus dem Roman »Germinal« von Emile Zola (1840–1902) als Leinwand-Gemälde ausführen. Zu diesem Zweck fertigt sie in Königsberger Matrosenkneipen Interieurstudien an – wie die grau lavierte Federzeichnung »Königsberger Kneipe«, NT (52a).
Mehr lesenWeniger lesenDieses Mal [...] mietete ich mir ein kleines Atelier [...] und zwar wollte ich die Szene aus ›Germinal‹ auf die Leinwand bringen. Zu diesem Zweck brauchte ich Studien. Königsberg hatte damals in den alten Pregelgegenden eine Reihe von Matrosenkneipen, welche am Abend zu besuchen mit Lebensgefahr verbunden war. Es war mir nicht möglich, anders als an Vormittagen dort Studien zu machen. Am interessantesten war mir das ›Schiffchen‹, ein Lokal mit doppelten Ausgängen. Wüster Lärm war drin zu hören, Messerstechereien waren an der Tagesordnung.«
Später entscheidet sie jedoch, die Szene zu radieren und lässt sich dafür von ihrem ersten Lehrer Rudolf Mauer in die druckgrafischen Techniken einführen.
Ich habe angefangen zu radieren und zu dem Zweck eine Masse Vorübungen mit der Feder gemacht. Überhaupt zeichne ich jetzt ungleich mehr als daß ich male, aus der praktischen Überlegung, daß ich in Berlin für die ersten Jahre meiner Verheiratung kaum Geld genug haben werde, um mir ein Atelier zu mieten. Und in engen Stuben, die man bewohnt, Ölbilder zu malen, das ist ein trauriger Gedanke. Das Radieren ist doch lange nicht so umständlich.«
Otto von Bismarck (1815–1898) wird von Kaiser Wilhelm II. (1859–1941) als Reichskanzler entlassen, es folgt die Abkehr von Bismarcks politischem Bündnissystem.
Das Sozialistengesetz wird nicht verlängert, die Sozialdemokratie hat die Zahl ihrer Wähler für den Reichstag trotz dessen Einführung 1878 auf knapp 1,5 Millionen verdreifacht.
Die Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands (SAP) wird unter August Bebel (1840–1913) zur Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) umgewandelt.
Der 1. Mai wird als Tag der Arbeiterbewegung erstmals mit Streiks und Demonstrationen begangen.