Zu Beginn des Ersten Weltkrieges schließt sich Käthe Kollwitz kurzzeitig dem Nationalen Frauendienst an, der seine Arbeit als Äquivalent zum Dienst an der Front versteht.
Der jüngere Sohn Peter Kollwitz (1896–1914), der noch nicht volljährig ist, erhält vom Vater die Genehmigung, sich als Freiwilliger für den Kriegsdienst melden zu dürfen.
Mehr lesenWeniger lesenZu Kriegsbeginn im August 1914 ist die Familie Kollwitz – ebenso wie die Mehrheit der Deutschen – davon überzeugt, dass es sich um einen notwendigen Verteidigungskrieg handelt.
Da Peter noch minderjährig ist, benötigt er die Erlaubnis der Eltern sich freiwillig zu melden, was sein zunächst Vater verweigert. Schließlich ringt er ihm doch – mit Unterstützung seiner Mutter – die Einwilligung ab.
Peter fällt am 22. Oktober bei Dixmuiden in Belgien.
Mehr lesenWeniger lesenVon da an datiert für mich das Altsein. Das Demgrabzugehn. Das war der Bruch. Das Beugen bis zu einem Grade, daß es nie mehr ein ganzes Aufrichten gibt.«
Der ältere Sohn Hans Kollwitz (1892–1971) leistet auf Wunsch seiner Eltern Kriegsdienst als Sanitäter. Er erkrankt im Dezember in einem Typhus-Genesungsheim in Spa (Belgien) an Diphterie. Sein Vater erhält die Erlaubnis, zu ihm zu fahren.
Für die von Paul Cassirer (1871–1926) herausgegebene Zeitschrift »Kriegszeit – Künstlerflugblätter« zeichnet Käthe Kollwitz, bevor ihr Sohn fällt, die Lithografie »Das Warten«, Kn 132. Als Cassirer 1916 auf die »Kriegszeit« den »Bildermann« folgen lässt, beteiligt sich die Künstlerin auch an dieser mit der Lithografie »Mutter mit Kind auf dem Arm«, Kn 136.
Seit Ende 1914 ist Käthe Kollwitz von dem Vorhaben erfüllt, ein Denkmal zu schaffen, das den Opfertod der jungen Kriegsfreiwilligen ehren soll – verkörpert in der Gestalt des Sohnes, mit dem Vater zu Häupten und der Mutter zu Füßen.
Mehr lesenWeniger lesenIn dem erst 1932, nach 18jähriger Arbeit, fertiggestellten Werk verzichtet sie schließlich auf die Heroisierung der Kriegstoten und selbst auf das Bild des Sohnes. Der Wandel in der Konzeption ihres Denkmals entspricht ihrem quälend vollzogenen inneren Wandel hin zur Ablehnung jeglichen Krieges.
Beim Attentat von Sarajevo am 28. Juni 1914 wird der österreichische Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand (1863–1914) von einem Mitglied einer serbischen Untergrundorganisation, die in Verbindung mit offiziellen Stellen gebracht wird, ermordet. Infolge dessen erklärt Österreich-Ungarn am 28. Juli Serbien den Krieg. Am 1. August folgt nach der russischen Mobilmachung die Kriegserklärung des Deutschen Kaiserreiches als Bündnispartner Österreichs an Serbiens Bündnispartner Russland, zwei Tage später an Frankreich.
Die SPD unterstützt das Vorgehen der Regierung, welche die Öffentlichkeit glauben lässt, das Deutsche Reich befände sich in einem Verteidigungskrieg gegen Russland. Karl Liebknecht (1871–1919) ist der einzige SPD-Abgeordnete, der im Dezember gegen die Kriegsanleihen stimmt.
An der Westfront kommt es nach kurzen Erfolgen zu einem vier Jahre dauernden Stellungskrieg. In mehreren erfolglosen Offensiven – zum Inbegriff der Grausamkeit des Krieges wird die Schlacht um Verdun 1916 – sterben Millionen als Kriegsmaterial verheizte Soldaten unter Einsatz modernsten Kriegsgerätes, darunter Giftgas und Luftschiffe.
Das Jahr 1915 ist geprägt von der Trauer um ihren jüngeren Sohn Peter Kollwitz (1896–1914), der 22. Oktober 1914 bei Dixmuiden gefallen ist.
Mehr lesenWeniger lesenDa das Grab des Sohnes im Kriegsgebiet Belgien liegt, wird sein Zimmer im elterlichen Haus zum Ort der Trauer für die Eltern, Verwandte und Bekannte. Käthe Kollwitz wird zur Bezugsperson für die engsten Freund von Peter, lässt sich von diesen sogar ›Mutter‹ nennen und nimmt intensiv Anteil an deren Schicksal. Wie Peter werden auch diese fast ausnahmslos im Verlauf des Krieges fallen.
Käthe Kollwitz verarbeitet ihre Trauer unter anderem in ihrer Kunst – wie in der ausdrucksstarken Kohlezeichnung »Stehende Mutter, Säugling ans Gesicht drückend«, NT 722.
Ich arbeite an der Darbietung. Ich ›mußte‹ – es war ein direkter Zwang – alles ändern. Die Figur bog sich von selbst unter meinen Händen – wie nach eigenem Willen – vorn über. Nun ist sie nicht mehr die Aufrechte. Ganz tief bückt sie sich und reicht ihr Kind dar. In niedrigster Demut.«
Die Künstlerin sucht Unterstützer für ihr Denkmalprojekt für Peter und alle Kriegsfreiwilligen, lässt sich beraten und nimmt die Arbeit auf.
Die geplante dreifigurige, überlebensgroße Anlage mit der Gestalt des Sohnes zwischen Vater und Mutter soll auf den Havelhöhen der Landzunge Schildhorn (Grunewald) errichtet werden, einem Lieblingsziel der Berliner Sonntagsausflügler.
In der Ypern-Schlacht bringen deutsche Truppen am 22. April erstmals Giftgas zum Einsatz.
Am 19. Juni fordern hochrangige SPD-Politiker ihre Partei auf, den Burgfrieden aufzukündigen.
Großbritannien errichtet eine Seeblockade zur Verhinderung von Nachschub für die Mittelmächte Deutschland und Österreich. Diese Hungerblockade führt im Deutschen Reich zu bedrohlichem Rohstoffmangel und zu Lebensmittelknappheit.
An Deiner Liebe hat es mir nie gefehlt und sie hat es möglich gemacht, daß wir jetzt nach 25 Jahren fest zusammenstehn. […] Langsam ist unser Ehebaum gewachsen, nicht so gerade und ohne Hindernisse wie viele andere. […] Aus dem schwanken Reis ist doch der Baum geworden, der im Herzen gesund ist«
Der ältere Sohn Hans Kollwitz wird in einer militärischen Aufklär-Einheit mit Fesselballons in Rumänien stationiert.
Käthe Kollwitz stellt den Sinn des Krieges immer mehr in Frage. Ihre Tagebucheintragungen sind ein beredtes Zeugnis für den allmählichen, schmerzhaften inneren Wandel hin zur Pazifistin, der 1918 im öffentlichen Widerstand der Künstlerin gegen den Krieg gipfelt.
Mehr lesenWeniger lesenPeter, […] alle stellten ihr Leben unter die Idee der Vaterlandsliebe. Dasselbe taten die englischen, die russischen, die französischen Jünglinge. Die Folge war das Rasen gegeneinander, die Verarmung Europas am Allerschönsten. Ist also die Jugend in all diesen Ländern betrogen worden? Hat man ihre Fähigkeit zur Hingabe benutzt um den Krieg zustande zu bringen? Wo sind die Schuldigen? Gibt es die? Sind alles Betrogene? Ist es ein Massenwahnsinn gewesen? Und wann und wie wird das Aufwachen sein?«
Im sogenannten Steckrübenwinter 1916/17 sind Lebensmittelpakete des Sohnes Hans eine große Hilfe.
Mehr lesenWeniger lesenLinas [Lina Mäkler, Haushaltshilfe der Familie Kollwitz] Stimme bebte, als sie den Beutel mit Mehl [aus deinem Paket] heraushob. Du glaubst gar nicht von welcher Wichtigkeit so etwas ist, wie Mehl, Bohnen, Öl, Brot, Erbsen, kurz alles, was die Kiste Köstliches barg. […] Das Volksküchenessen haben wir aufgegeben, weil es immer dürftiger wurde. Ob wir aber auf die Dauer ohne es durchkommen werden, weiß ich noch nicht.«
Die Künstlerin zeigt als erste plastische Arbeit überhaupt die »Liebesgruppe«, Seeler 13, auf der Frühjahrsausstellung der Freien Secession.
Die Zeitschrift »Der Bildermann«, herausgegeben von Paul Cassirer (1871–1926), druckt die Lithografie »Mutter mit Kind auf dem Arm«, Kn 136.
Mehr lesenWeniger lesen»Der Bildermann« löst 1916 Cassirers »Kriegszeit« ab und enthält, wie jene, Original-Lithografien zahlreicher bekannter Künstler, nun aber verstärkt mit pazifistischer Einstellung. Dies entspricht auch der zunehmenden Kriegsmüdigkeit der Bevölkerung.
Der SPD-Politiker Karl Liebknecht wird nach seiner Antikriegsrede am 1. Mai 1916 des Hochverrats angeklagt und zu einer Zuchthausstrafe von 4 Jahren und 1 Monat verurteilt. Daraufhin kommt es zu einem weitgehend auf Berlin beschränkten Proteststreik, dem Liebknechtstreik.
Die schon 1915 schwierige Versorgung mit Lebensmitteln, besonders in den Städten, verschärft sich nach einer katastrophalen Kartoffelernte 1916 dramatisch. Im Steckrübenwinter 1916/17 dienen Kohl- und Steckrüben, eigentlich Schweinefutter, als Ersatz für Brot und Kartoffeln. Der Gesundheitszustand der Stadtbevölkerung verschlechtert sich zusehends. Die Stadt Berlin errichtet Großküchen, um die Menschen zu versorgen.
Der Maler Franz Marc (1880–1916) fällt am 4. März bei Verdun, Frankreich. Die Münchener Secession zeigt ihm zu Ehren eine Sonderausstellung.
Die Frauenrechtlerin Lilly Braun (1865–1916) stirbt am 8. August.
Am 8. Juli feiert Käthe Kollwitz den 50. Geburtstag.
Woldemar von Seidlitz (1850–1922), Vortragender Rat der Königlichen Kunstsammlungen in Dresden, nimmt dies zum Anlass, die Künstlerin für die Aufnahme in die Preußische Akademie der Künste in Berlin vorzuschlagen.
1917 stirbt ihre älteste Schwester Julie Hofferichter (1860–1917).
In ihrem Jubiläumsjahr finden zahlreiche Ausstellungen statt. So zeigt das Berliner Kupferstichkabinett fast die gesamte Druckgrafik der Künstlerin.
In der Galerie von Paul Cassirer präsentiert Kollwitz zum ersten Mal eine größere Anzahl von Zeichnungen. Diese Ausstellung wandert anschließend weiter nach Königsberg, Dresden, Hamburg und Mannheim.
Mehr lesenWeniger lesenDer Erfolg der Ausstellung [bei Cassierer] war groß. Ich habe von vielen Seiten gehört, daß sie einheitlichen und starken Eindruck macht [...]. Bleiben meine Arbeiten so in ihrer Wirkung – auch nach Jahrzehnten – ja dann habe ich sehr viel erreicht. Dann sind durch mich die Menschen bereichert worden. Dann hab ich mitgearbeitet am Aufbau. Was übrigens jeder tut, aber mir wäre es zugefallen in einem höheren Grade wie viele andere es zu tun.«
Nachdem sich 1916 mehrere Abgeordnete der SPD vehement gegen die expansionistischen Kriegsziele ausgesprochen haben, werden diese 1917 aus der Partei ausgeschlossen. Innerlich zerrüttet, spaltet sich die SPD in MSPD (Mehrheitssozialdemokratische Partei Deutschlands) unter dem Vorsitz von Friedrich Ebert (1871–1925) und USPD (Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands) unter Vorsitz von Hugo Haase (1863–1919). Seiner Partei schließt sich der Spartakusbund an, deren bekannteste Mitglieder Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht sind.
Der Aprilstreik 1917 ist nach dem Liebknechtstreik 1916 die zweite Massenbewegung in Deutschland während des Weltkrieges. Als Protest gegen die unzureichende Lebensmittelversorgung schließt der sogenannte Brotstreik direkt an die Lebensmittelkrawalle im Steckrübenwinter von 1916/17 an.
In Russland beendet die Februarrevolution die Zarenherrschaft. Wladimir Iljitsch Lenin (1870–1924) erreicht mit der Novemberrevolution die Errichtung der Sowjetrepublik.
Käthe Kollwitz verfasst gegen den Aufruf zum letzten Kriegsaufgebot von Richard Dehmel (1863–1920), erschienen am 22. Oktober 1918 im Vorwärts, einen offenen Brief. Er wird am 28. Oktober im Vorwärts und am 30. Oktober in der Vossischen Zeitung veröffentlicht.
Mehr lesenWeniger lesenIch wende mich hiermit gegen Richard Dehmel. Ich vermute wie er, daß einem solchen Appell an die Ehre eine auserlesene Schar Folge leisten würde. Und zwar wieder wie im Herbst 1914 in der Hauptsache aus Deutschlands Jugend bestehend [...] Das Resultat würde höchstwahrscheinlich sein, daß diese Opferbereiten tatsächlich hingeopfert würden, und daß dann – nach dem täglichen Blutvergießen dieser vier Jahre – Deutschland eben verblutet ist. [...] Meiner Meinung nach aber wäre ein solcher Verlust für Deutschland viel schlimmer und unersetzlicher als der Verlust ganzer Provinzen. [...] Man hat tief umgelernt in diesen Jahren. Mir will scheinen auch in Bezug auf den Ehrbegriff. [...] Es ist genug gestorben! Keiner darf mehr fallen! Ich berufe mich gegen Richard Dehmel auf einen Größeren, welcher sagte: ›Saatfrüchte sollen nicht vermahlen werden.‹«
Als der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann (1865–1939) während der Novemberrevolution am 9.11. von einem Balkon des Reichstagsgebäudes die Republik ausruft, befindet sich Käthe Kollwitz in der Volksmenge.
Am 17. November druckt der Vorwärts den Aufruf der Künstlerin, die heimkehrenden Soldaten in Berlin würdig zu empfangen. Dieser Aufruf führt dazu, dass sich verschiedenste Personen und Institutionen mit dem Thema befassen und Berlin am 1. Dezember aus diesem Anlass offiziell beflaggt wird.
Am 20. November kehrt ihr älterer Sohn Hans Kollwitz (1892–1971) aus dem Krieg zurück.
Käthe Kollwitz beginnt mit der Arbeit an ihrer druckgrafischen Folge »Krieg« (1918–1922/23). Sie plant den Zyklus im letzten Kriegsjahr zunächst als Radierung, arbeitet ihn 1919/20 als Lithografie um und führt ihn schließlich 1921–1922/23 als Holzschnitt aus.
Mehr lesenWeniger lesenIch bin nun [...] hineingesprungen in eine Arbeit, die mir wohl seit 1914 [...] dunkel vorschwebte [...]. Bis jetzt existierten nur Zeichnungen. Nie jemand gezeigt. Unter Tränen gezeichnet. Abgesehen davon, daß ich überhaupt für die nächsten Jahre an graphisches Arbeiten nicht dachte, waren es noch zwei andere Gründe aus denen heraus ich immer wieder wegschob den Plan. Erstens die Scheu mit diesem innersten Erlebten [...] dieser Jahre herauszukommen und dann das Gefühl des Stümperhaften der Atelierarbeit [...] diesem Leben und Sterben gegenüber.«
In den Januarstreiks fordern über eine Million Arbeiter bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen, ein Ende des Ersten Weltkriegs und eine Demokratisierung der Verfassung des deutschen Kaiserreiches.
Nach mehrmonatigen Verhandlungen kommt es am 3. März zum Friedensvertrag von Brest-Litowsk zwischen Sowjetrussland und den Mittelmächten Deutschland und Österreich.
Die Novemberrevolution führt am 9. November zur Abdankung Kaiser Wilhelms II. Der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann ruft die Republik aus.
Mit dem Waffenstillstand von Compiègne am 11. November beenden Deutschland und den beiden Westmächte Frankreich und Großbritannien die Kriegshandlungen des Ersten Weltkrieges, der 10 Millionen Tote und 20 Millionen Verwundete forderte.