Zu ihrem 60. Geburtstag am 8. Juli 1927 werden Käthe Kollwitz zahlreiche Ehrungen zuteil.
Unter den 500 Briefen und Telegrammen verdeutlichen unter anderem die Glückwünsche vom Reichsinnenminister, dem preußischen Kultusminister, dem Reichskunstwarts, dem Berliner Oberbürgermeister und dem russischen Botschafter, dass Käthe Kollwitz in der Weimarer Republik weit über alle Kunstkreise hinaus hohes Ansehen genießt. Von Gerhart Hauptmann erscheint eine kurze Würdigung im »Berliner Tageblatt«.
Die Künstlerin erhält eine Einladung zu den Feierlichkeiten des 10. Jahrestages der Oktoberrevolution nach Moskau und reist im November in Begleitung ihres Mannes.
Aus Berlin sind außer ihr u. a. der Schriftsteller und Publizist Arthur Holitscher, der Schriftsteller Johannes R. Becher, die Frauenrechtlerin Helene Stöcker und der Wirtschaftswissenschaftler Robert René Kuczynski eingeladen, der Gründer und Vorsitzende des 1925 gebildeten Ausschusses zur Durchführung des Volksentscheids für die entschädigungslose Enteignung der Fürsten, den auch Käthe Kollwitz unterstützt.
Mehr lesenWeniger lesenVor ihrer Russlandreise erklärt Käthe Kollwitz:
»Es ist dies nicht die Stelle auszusprechen, warum ich nicht Kommunistin bin. Es ist aber die Stelle, um auszusprechen, daß das Geschehen in der letzten 10 Jahre in Rußland mir an Größe und weittragender Bedeutung nur vergleichbar zu sein scheint dem Geschehen der großen Französischen Revolution. [...] Gorki spricht in einem Aufsatz aus der ersten Zeit der Sowjetrepublik von dem Fliegen ›Sohlen nach oben‹. Dieses Fliegen im Sturmwind glaube ich in Rußland zu spüren.«
Auf der Herbstausstellung der Preußischen Akademie der Künste zeigt Kollwitz aus Anlass ihres 60. Geburtstages einen Überblick über ihr gesamtes grafisches Schaffen mit fast 100 Druckgrafiken und Zeichnungen aus ihrem eigenen Besitz, aus privaten und öffentlichen Sammlungen.
Wegfall der interalliierten Militärkontrolle in Deutschland.
Die Kampfverbände von KPD und NSDAP liefern sich in Berlin blutige Straßenkämpfe.
Von 1928 bis 1933 ist Käthe Kollwitz als erste Frau Leiterin eines der sechs Meisterateliers der Sektion für Bildende Kunst an der Preußischen Akademie der Künste – damit verbunden auch Mitglied des Senats. Sie erhält ein großes Atelier zur eigenen Nutzung.
Im selben Jahr erleidet die Künstlerin infolge einer Grippe mehrere Herzschocks und ist monatelang krank und in Kur.
Es entstehen mehrere kleinere Arbeiten, darunter eine Zeichnung für das Titelblatt der sechssprachigen Broschüre Nie wieder Krieg des Internationalen Gewerkschaftsbundes oder für eine Gedenkpostkarte der SPD in Leipzig zum 10. Jahrestag der Revolution von 1918, NT 1163 a.
Gerhart Hauptmann (1862–1946) wird Vorsitzender der Sektion für Dichtkunst an der Preußischen Akademie der Künste.
Die »Vossische Zeitung« bringt einen Vorabdruck des Antikriegsromans »Im Westen nichts Neues« von Erich Maria Remarque (1898–1970).
Käthe Kollwitz wird als erster Frau der Orden Pour le mérite für Wissenschaften und Künste verliehen.
In seiner Eigenschaft als Kanzler des Ordens übereicht der Theologe Adolf von Harnack (1851–1930) der Künstlerin den Pour le mérite in ihrem Atelier. In der Weimarer Republik werden außerdem Max Liebermann, Gerhart Hauptmann, Max Slevogt, Leopold Graf von Kalckreuth und 1933 Ernst Barlach mit dem Orden ausgezeichnet – Künstler, die unter Kaiser Wilhelm II. schwer durchsetzbar gewesen wären.
Nach dem Tod von Heinrich Zille (1858–1929) übernimmt Käthe Kollwitz mit Hans Baluschek (1870–1935) das Protektorat für den Film »Mutter Krausen’s Fahrt ins Glück« zum Gedenken an den Künstler und entwirft das Plakat. Der Film entsteht unter maßgeblicher Beteiligung von Otto Nagel (1894–1967).
Die Arbeitslosenzahl in der Weimarer Republik steigt auf 2,8 Millionen.
Am 24. Oktober 1929, dem Schwarzen Donnerstag, kommt es zu massiven Kursverlusten an der New Yorker Börse. Am nächsten Tag erreichen die Auswirkung die europäischen Börsen. Dieser Börsenkrach ist der Auftakt für die Weltwirtschaftskrise.
Geburt des jüngsten Enkels Arne Andreas Kollwitz (1930–1924).
Mehr lesenWeniger lesenProfessor Dr. med. Arne Kollwitz ist langjähriger Chefarzt der urologischen Abteilung und anschließend ärztlicher Direktor des Sankt-Franziskus-Krankenhauses in Berlin.
Nach dem Tod seines Vaters Hans Kollwitz (1892–1971) steht er der Erbengemeinschaft von Käthe Kollwitz vor.
Käthe Kollwitz unterschreibt die Petition für die inhaftierte und verbannte russische Sozialrevolutionärin Maria Alexandrowna Spiridonowa (1884–1941) und einen Protest gegen die Verbannung russischer Wissenschafter.
Nach dem Verbot von Erich Maria Remarques (1898–1970) Film »Im Westen nichts Neues« erreichen namhafte Intellektuelle, darunter Käthe Kollwitz, Heinrich Mann und Karl Zuckmayer, wieder dessen Zulassung, wenn auch in einer gekürzten Fassung.
Die Künstlerin überwacht die Anbringung ihrer Grafik »Mütter« aus der Kriegsfolge als Sgraffito im Haus der Arbeiterwohlfahrt, Saarbrücken (nicht erhalten).
Mit dem Young-Plan nimmt die Regierung einen neuen Zahlungsplan für Reparationen an, der dem deutschen Wunsch nach Senkung der Schuldenlast entgegenkommt.
Die Zahl der Arbeitslosen beträgt 3,5 Millionen. Bei den Reichstagswahlen erfährt die Nationalsozialistische Arbeiterpartei Deutschlands (NSDAP) einen sprunghaften Anstieg.
In Berlin wird das Pergamonmuseum eröffnet.
Nach dem Konkurs der Dresdner Kunsthandlung Emil Richter verlegt fortan Alexander von der Becke (1902–1958) in Berlin das grafische Werk der Kollwitz.
Mehr lesenWeniger lesenBereits zwei Jahre später, im Frühjahr 1933, setzen nach der Machtübernahme Hitlers erste Schwierigkeiten ein. Obwohl die Umsätze rapide zurückgehen, erhält van der Becke seine Tätigkeit bis zur Schließung des Verlags durch die Gestapo 1941 aufrecht. 1945 kann der Kunsthändler die Arbeit wieder aufnehmen. Der Verlag wird nach dessen Tod 1958 bis 1974 von seiner Frau Johanna und seinem Sohn Bernhard fortgeführt.
Nach 18-jähriger Arbeit, von 1914 bis 1931, vollendet Käthe Kollwitz das Mahnmal »Die trauernden Eltern« in Gips und stellt die Plastiken in der Preußischen Akademie der Künste erstmals aus.
Mehr lesenWeniger lesenDas ist ein großer Abschnitt, ein ganz bedeutsamer Punkt. Seit Jahren in gänzlicher Stille an ihnen gearbeitet, keinen, kaum Karl und Hans dazu gelassen, mach ich jetzt die Türen weit auf, daß möglichst viel Menschen sie sehn. Ein großer Schritt, der mir Aufregung und Sorge gemacht hat, der mich aber auch beglückt hat durch die geschlossene Anerkennung der Kollegen.«
Die Arbeitslosenzahl steigt auf fast 4,5 Millionen Menschen.
Am 28. März tritt eine Notverordnung in Kraft, die zur Bekämpfung politischer Ausschreitungen das Versammlungsrecht und die Pressefreiheit einschränkt.
Die KPD veranstaltet Hungermärsche in verschiedenen Städten.
Bei den Kurfürstendamm-Krawallen am 12. September werden jüdische Geschäfte von der SA demoliert.
Zum 65. Geburtstag von Käthe Kollwitz organisiert Otto Nagel eine Ausstellung von 142 Werken der Künstlerin in Moskau und Leningrad.
Gemeinsam mit ihrem Mann Karl Kollwitz sowie mit insgesamt wohl 33 weiteren Persönlichkeiten, darunter Heinrich Mann, Albert Einstein, Erich Kästner, Ernst Toller und Arnold Zweig, unterzeichnet Käthe Kollwitz den Dringenden Appell – einen plakatierten Aufruf zur Bildung einer Einheitsfront von SPD und KPD, um eine nationalsozialistische Mehrheit zu verhindern.
Nach der Machtübernahme Hitlers 1933 appellieren Käthe und Karl Kollwitz sowie 19 weitere Personen noch einmal an die Linksparteien zum Zusammenschluss, um die drohende Vernichtung aller persönlichen und politischen Freiheit durch eine nationalsozialistische Regierung in letzter Minute zu verhindern.
Am 14. Oktober stirbt Konrad Schmidt (1863–1932), der Bruder der Künstlerin.
Käthe Kollwitz stellt die in Stein ausgehauenen Skulpturen »Trauernde Eltern« in der Vorhalle der Berliner Nationalgalerie aus.
Noch im selben Jahr wird das Mahnmal auf dem Soldatenfriedhof im belgischen Roggevelde aufgestellt.
Mehr lesenWeniger lesenDie Skulpturen sind von den Bildhauern August Rhades und Fritz Diederich nach den Gipsmodellen in belgischen Granit übertragen worden. Ermöglicht wurde dies durch eine Schenkung des Deutschen Reiches und des preußischen Staates zum 60. Geburtstag der Künstlerin 1927.
Ludwig Justi (1876–1957), Direktor der Berliner Nationalgalerie, erwirbt die Gipsfiguren für das Kronprinzenpalais.
Die Aufstellung der Steinskulpturen in Roggevelde bei Dixmuiden werden von Käthe Kollwitz beaufsichtigt. Nach Auflösung des Friedhofes 1955 werden die Gefallenen und das Mahnmal auf den Soldatenfriedhof Vladslo-Praedbosch überführt.
1957 fertigen Joseph Beuys und Erwin Heerich, zwei Meisterschüler von Ewald Mataré, eine um 10% vergrößerte Kopie der Skulpturen in Muschelkalk für das Bundesehrenmal Alt St. Alban in Köln.
Bereits seit 1910 beschäftigt sich Käthe Kollwitz in ihrem bildhauerischen Werk immer wieder mit dem Thema ›Mutter mit Kind‹, ohne jedoch zu einer befriedigenden Lösung zu kommen.
Erst 1932, nach Abschluss der Arbeit am Mahnmal »Trauernde Eltern«, beginnt dieses Vorhaben in der 1936 in Gips vollendeten Plastik »Mutter mit zwei Kindern« endgültig Gestalt anzunehmen.
An diesem Motiv arbeitete ich schon vor dem Kriege. Dann kam alles andere dazwischen. Als ich von Siegmundshof nach der Akademie überwanderte, ließ ich mir eine Hohlform machen und ließ mir diese ausdrücken, als die Arbeiten für den Soldatenfriedhof fertig waren. Aber sie mußte ganz umgeändert werden. Denn unterdes waren die Zwillinge (Jördis und Jutta) auf die Welt gekommen und seitdem ich Dich damals gesehen hatte – in jedem Arm ein Kind – war mir klar, daß ich auch die Arbeit um ein Kind erweitern mußte.«
1932 beträgt die Zahl der Arbeitslosen mehr als 6 Millionen.
Bei Reichstagswahlen im Juli und November ist die NSDAP stärkste Partei.
In mehreren deutschen Großstädten kommt es während der Maifeiern zu schweren Auseinandersetzungen zwischen Nationalsozialisten und Kommunisten.
Die erste Autobahnstrecke wird eröffnet. Sie verläuft zwischen Köln und Bonn.