Am 15. Februar 1933 wird Käthe Kollwitz zum Austritt aus der Preußischen Akademie der Künste gezwungen.
Wie schon 1932 unterstützen Käthe und Karl Kollwitz sowie Heinrich Mann (1871–1950) nach der nationalsozialistischen Machtübernahme mit ihrer Unterschrift den plakatierten Dringenden Appell zum Zusammenschluss der Linksparteien bei der letzten so genannten ›freien‹ Wahl am 5. März 1933.
Mit der Drohung, die Preußische Akademie ansonsten zu schließen, werden Heinrich Mann und Käthe Kollwitz daraufhin zum Austritt gezwungen. Stadtbaurat Martin Wagner (1885–1957) scheidet aus Solidarität mit aus.
Kollwitz’ Dienstverhältnis zum preußischen Staat wird aber bis zum regulären altersgemäßen Ausscheiden am 15. September 1933 fortgeführt. Das Atelier in der Hardenbergstraße kann sie bis Anfang 1934 nutzen.
Ende März 1933 reist das Ehepaar Kollwitz – ebenso wie zahlreiche weitere Intellektuelle, Kommunisten und Sozialdemokraten – nach Marienbad in Tschechien, um einer drohenden Verhaftung durch die Nationalsozialisten zu entgehen.
Mehr lesenWeniger lesenKäthe und Karl Kollwitz kehren zwei Wochen später nach Deutschland zurück und werden Zeugen, wie gleichgesinnte Freunde verhaftet werden oder fliehen. Die Verfolgung der Juden erlebt die Künstlerin hautnah, indem Lisbeth Stern, ihre Schwester, in eine jüdische Familie eingeheiratet hat. Auch ihr wichtiger Förderer Max Liebermann und einige ihrer bedeutendsten Sammler, darunter Salman Schocken (1877–1959) und Julius Freund (1869–1941), sind Juden.
Als Mitbegründer des Sozialdemokratischen Ärztevereins werden Karl Kollwitz am 1. Juli für mehrere Monate die Krankenkassenzulassung entzogen. Dem Sohn Hans, ebenfalls Sozialdemokrat, wird vorübergehend als Schularzt gekündigt.
Mehr lesenWeniger lesenBei Hans Kollwitz findet außerdem eine Hausdurchsuchung statt, bei der Bücher über seine Mutter beschlagnahmt werden sollen.
Karl Kollwitz droht auch 1934 noch der Entzug der Krankenkassenzulassung und damit Verlust der finanziellen Lebensgrundlage der Familie.
Zum 3. Mal ist ihm die Kassentätigkeit gekündigt, neuerdings unter der Begründung, daß er Mitglied der Liga für Menschenrechte gewesen sei! Da er es nicht gewesen ist – ich war es – wird der Antrag auf Entlassung als Kassenarzt kaum aufrecht gehalten werden können. Sie werden sich noch einen weiteren Grund ausdenken.«
Nachdem die Künstlerin durch die Machtübernahme der Nationalsozialisten in existentielle Nöte gerät, entsteht ihr »Selbstbildnis im Profil nach links, zeichnend«, NT 1240, – gewissermaßen als künstlerische Selbstvergewisserung.
In den USA nimmt die Bekanntheit von Käthe Kollwitz stetig zu. Das Art Museum Worcester in Massachusetts veranstaltet 1933 eine Kollwitz Ausstellung, 1934 zeigt die Havard University Drucke der Künstlerin. 1934/35 findet eine Kollwitz-Wanderausstellung in den USA statt.
Mit der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 endet die Weimarer Republik.
Mehr lesenWeniger lesenAm 28. Februar – einen Tag nach dem Reichstagsbrand, der den Kommunisten angelastet wird – tritt eine Verordnung in Kraft, die die Grundrechte der Weimarer Verfassung aufhebt. Tausende von Menschen, mehrheitlich Kommunisten, aber auch Sozialdemokraten, werden festgenommen. Linke Zeitungen, darunter der »Vorwärts«, sind ab sofort verboten.
Am 1. April kommt es zum ersten Boykottaufruf gegen jüdische Geschäfte, Banken, Ärzte und Anwälte.
Am 10. Mai finden in fast allen größeren Städten Deutschlands organisierte und meist systematisch vorbereitete Bücherverbrennungen statt.
Am 22. Juni wird die SPD zur volks- und staatsfeindlichen Organisation erklärt und damit verboten.
Mehr lesenWeniger lesenIn den darauf folgenden Wochen kommt es zur Verhaftung von 3000 Sozialdemokraten. Bereits im März werden für politische Gegner – in erster Linie Sozialdemokraten und Kommunisten – die ersten Konzentrationslager errichtet, darunter das KZ Oranienburg bei Berlin und das KZ Dachau.
Ab dem 14. Juli sind alle Parteien außer der NSDAP verboten oder haben sich selbst aufgelöst.
Nach der Räumung ihres Ateliers in der Akademie der Künste mietet Käthe Kollwitz von Herbst 1934 bis 1940 in der Ateliergemeinschaft Klosterstraße einen Arbeitsraum.
Dort ist die Künstlerin trotz indirekten Ausstellungsverbotes seit 1935 bis 1938 regelmäßig auf den jährlichen Ausstellungen vertreten, muss aber mehrmals Werke austauschen, die bei der Reichskulturkammer auf Ablehnung stoßen.
Für ihre jüngeren Kollegen ist sie Vorbild für Integrität und Unbeugsamkeit.
Nach der Räumung ihres Ateliers in der Akademie der Künste beginnt Käthe Kollwitz im Frühjahr 1934 mit der Arbeit an ihrer letzten druckgrafischen Folge »Tod«. Auf der Herbstausstellung der Akademie der Künste werden fünf Blätter dazu präsentiert.
Ab Oktober unterbricht sie diese Arbeit und konzentriert sich in ihrem neuen Arbeitsraum in der Ateliergemeinschaft Klosterstraße wieder auf die Plastik »Mutter mit zwei Kindern«, Seeler 29.
In der Nacht vom 30. Juni auf 1. Juli werden auf Hitlers Befehl Führungskräfte der SA einschließlich Stabschef Ernst Röhm ermordet. Die nationalsozialistische Propaganda stellt die Aktion später als präventive Maßnahme gegen einen angeblich bevorstehenden Putsch – den sogenannten Röhm-Putsch – dar.
Im Saargebiet entscheiden sich über 90 Prozent für eine Wiederangliederung an das Deutsche Reich.
Am 8. Februar nimmt Käthe Kollwitz am Begräbnis des wegen seiner jüdischen Herkunft geächteten Max Liebermann (1847–1935) teil.
Mehr lesenWeniger lesenDie Berliner Öffentlichkeit nimmt fast keine Notiz vom Tod des Ehrenbürgers. Die Akademie der Künste lehnt jede Ehrung ihres Alterspräsidenten ab. Außer Verwandten und Freunden folgen dem Sarg auf dem Jüdischen Friedhof am Schönhauser Platz nur vier Künstler: Käthe Kollwitz, Hans Purrmann, Konrad von Kardorff und Leo Klein von Diepold. Als 1936 im Jüdischen Museum in Berlin eine Gedächtnisausstellung stattfindet, deren Besuch Nichtjuden untersagt ist, setzt sich Käthe Kollwitz über das Verbot hinweg.
Im Frühjahr 1935 werden Werke von Käthe Kollwitz aus der Ausstellung Berliner Kunst in der Neuen Pinakothek in München und im Winter 1935/36 auf einer Ausstellung in Düsseldorf, jeweils kurz vor der Eröffnung, entfernt.
Mehr lesenWeniger lesenNur wenige Kunsthändler, darunter Ackermann & Sauerwein in München, wagen noch bis in den Zweiten Weltkrieg hinein Grafik der Künstlerin in Katalogen anzubieten. Käthe Kollwitz hat daher kaum noch Einnahmen und muss mit ihrem Mann zunehmend auf Ersparnisse zurückgreifen.
Von 1935 bis 1936 entsteht das Bronzerelief »Ruht im Frieden seiner Hände«, Seeler 30, für die eigene Familiengrabstätte.
Die Geschwister Konrad Schmidt, Käthe Kollwitz und Lisbeth Stern haben auf dem Zentralfriedhof Berlin-Friedrichsfelde für sich und ihre Ehepartner eine Grabstätte erworben. Nach dem Tod ihres Mannes 1934 bittet Lisbeth Stern ihre Schwester um eine plastische Arbeit, der die Künstlerin mit dem 1935/36 geschaffenen Bronzerelief nachkommt. Da der Friedhof nach 1945 zu Ostberlin (DDR) gehört, kann Lisbeth Stern dort 1963 nicht bestattet werden.
Im März findet in Berlin die erste Luftschutzübung mit simuliertem Fliegeralarm und Verdunkelung statt.
Am 15. September werden die antisemitischen Nürnberger Gesetze erlassen.
Mit der Wiedereinführung der Wehrpflicht und dem Aufbau der Wehrmacht mit 580.000 Mann bricht Hitler den Versailler Vertrag.
In Berlin eröffnet die Ausstellung »Das Wunder des Lebens« – die großangelegte Propaganda-Ausstellung soll die NS-Rassentheorie verbreiten.
In Düsseldorf eröffnet die Ausstellung »Frau und Volk«, die die Rolle der Frau als Mutter und ›Haushaltsführerin‹ verfestigen soll.
Ein Artikel in der Moskauer regierungsamtlichen Tageszeitung »Isvestija« über Käthe Kollwitz berichtet über Ausstellungsverbote und erklärt fälschlich, dass sich die Künstlerin seit der Machtübernahme der Nationalsozialisten in einer materiellen Notlage befände. Diese Behauptungen führen zum Verhör durch die Gestapo, die Käthe Kollwitz Konzentrationslager androht.
Kollwitz vollendet ihre Plastik »Mutter mit zwei Kindern«, Seeler 29, und lässt das Gipsmodell in Zement ausdrücken.
Am Vorabend der Eröffnung der Ausstellung Berliner Bildhauer von Schlüter bis zur Gegenwart anlässlich des 150. Jubiläums der Akademie der Künste werden die Werke von Käthe Kollwitz und Ernst Barlach entfernt.
Mehr lesenWeniger lesenDiese merkwürdige Stille bei Gelegenheit der Heraussetzung meiner Arbeit aus der Akademieausstellung und anschließend [dem] Kronprinzenpalais. Es hat mir fast niemand etwas dazu zu sagen. Ich dachte die Leute würden kommen, mindestens schreiben – nein. So etwas von Stille um mich. – Das muß alles erlebt werden!«
Zu den Arbeiten von Käthe Kollwitz zählt die Mutterfigur der »Trauernden Eltern« in Gips, die im Kronprinzenpalais ausgestellt werden sollte. Dessen Obergeschoss, wo zwei Plastiken der Künstlerin stehen, wird am 30. Oktober von den Nationalsozialisten geschlossen, aber interessierten Besuchern zugänglich gemacht.
Die Eroberung neuen Lebensraums wird vordringlichstes Ziel der nationalsozialistischen Außenpolitik.
Am 7. März 1936 überqueren 30.000 Soldaten der Wehrmacht die Rheinbrücken und beginnen damit den deutschen Einmarsch in das entmilitarisierte Rheinland. Mit der Besetzung der 50 Kilometer breiten Zone bricht Hitler sowohl den Versailler Vertrag von 1919 als auch den Locarno-Pakt aus dem Jahr 1925.
In Berlin finden die Olympischen Spiele statt.
In einem Erlass vom 27. November verbietet Joseph Goebbels als Präsident der Reichskulturkammer jede Form von Kunstkritik, es soll zukünftig nur noch eine Kunstberichterstattung geben.
Käthe Kollwitz feiert ihren 70. Geburtstag am 8. Juli 1937.
Im nationalsozialistischen Deutschland werden Arbeiten von Kollwitz im Rahmen der Aktion »Entartete Kunst« aus mindestens elf deutschen Museen beschlagnahmt. Die Werke werden entweder verkauft, getauscht oder dem Kommissionsbestand in Verwahrung des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda überführt. Die mit der ›Verwertung‹ der Kollwitz-Werke betrauten Kunsthändler sind Bernhard A. Böhmer, Karl Buchholz und Hildebrand Gurlitt.
Darüber hinaus scheitern sämtliche Ausstellungspläne zum Jubiläum der Künstlerin.
Mehr lesenWeniger lesenNachdem Käthe Kollwitz 1936 die Teilnahme an der Jubiläumsausstellung der Akademie der Künste verboten worden war, zieht die renommierte Galerie Nierendorf in Berlin die Zusage für eine Ausstellung zum 70. Geburtstag der Künstlerin zurück.
»Die letzte, höchst gewiß scheinende Sache bei Nierendorf, [...] ist nun wieder zu Wasser geworden. Abgeblasen – Grund immer derselbe. Ich kann mich wirklich schwer an den Gedanken gewöhnen, daß ich, deren Beteiligung früher zur Ehre gerechnet wurde, jetzt zu schweigen habe. Jetzt endlich werd ichs wohl begriffen haben.«
Der Buchhandlung Karl Buchholz in Berlin wird die Übernahme der Kollwitz-Ausstellung von der Reichskammer verboten. Einzelne Besucher können die Präsentation aber über eine hinter einem Vorhang verborgene Treppe besichtigen.
Käthe Kollwitz zeigt schließlich ca. 60 Grafiken in ihren Räumen in der Ateliergemeinschaft Klosterstraße.
In den USA hingegen nimmt das Interesse an Kollwitz-Werken stetig zu. 1937 und 1938 präsentieren Galerien in New York und Los Angeles ihre Arbeiten.
Der Berner Kunsthändler und Verfasser des ersten vollständigen Verzeichnisses der Druckgrafik von Käthe Kollwitz, August Klipstein (1885–1951), gewinnt den Galeristen Hudson Walker (1907–1976) für eine Ausstellung ihrer Grafiken in New York. In Los Angeles organisiert der Buchhändler Jake (Jacob) Zeitlin (1902–1987) eine kleine Kollwitz-Wanderausstellung.
Mehr lesenWeniger lesenAb 1938 beginnen sich weitere Kunsthändler für das Werk von Käthe Kollwitz in den USA zu engagieren, darunter Curt Valentin (1902–1954) in der New Yorker Buchholz-Gallery und ab 1943 besonders Otto Kallir (1894–1987), Leiter der Galerie St. Etienne in New York.
Amerikanische Museen und Sammler wie Lessing J. Rosenwald (1891-1979) bauen mit deren Hilfe große Kollwitz-Sammlungen auf.
»Es ist mir natürlich eine große Freude, daß in Amerika sich Terrain zu ergeben scheint für meine Arbeit. Es war mir natürlich etwas deprimierend zu erleben, wie man hier schon zu den Toten gerechnet wurde oder genauer gesagt zu den nicht mehr Lebensberechtigten. Übergehen und Stillschweigen war die angesagte Methode. Nun blüht da drüben noch einmal etwas auf, das ist erfreulich.«
Ermutigt durch die ersten Ausstellungserfolge in den USA nimmt Käthe Kollwitz wieder die Arbeit an ihrer druckgrafischen Folge »Tod« auf, die seit 1934 ruht.
Die Künstlerin lässt die Skulptur »Mutter mit zwei Kindern«, Seeler 29, von dem Bildhauer Erich Geiseler (1901–1983) im Innenhof der Ateliergemeinschaft Klosterstraße in Muschelkalk ausführen. Kollwitz finanziert diese Arbeit mit Geld, das ihr der befreundete Maler Leo von König (1871–1944) dafür zur Verfügung stellt. Diese Steinfassung geht im Zweiten Weltkrieg verloren.
1949 lässt der Magistrat Ostberlins eine Kopie in Muschelkalk von Fritz Diederich (1869–1951) aushauen und in der Kollwitzstraße, an der Stelle des 1943 zerstörten Wohnhauses der Künstlerin, aufstellen.
Nach Vollendung der Skulptur »Mutter mit zwei Kindern« entstehen von 1937 bis 1943 vor allem Kleinplastiken, da diese – nach Aussage der Künstlerin – ihre Erben nicht belasten würden, wenig kosteten, in jedem Raum ausführbar seien und nicht ihre Kräfte überstiegen.
An den »Abschiedwinkenden Soldatenfrauen«, II. Fassung, Seeler 32, dem »Turm der Mütter«, Seeler 35, und der »Pietà«, Seeler 37, arbeitet Kollwitz zum Teil gleichzeitig.
Die spanische Stadt Guernica wird von der deutschen Luftwaffe angegriffen.
In München eröffnet die Ausstellung »Entartete Kunst«.
Am 27. Oktober reist Käthe Kollwitz zur Trauerfeier für Ernst Barlach (1870–1938) nach Güstrow.
Mehr lesenWeniger lesenDort trifft es sich, daß ich vor den andern in seinem Hause und auch in seinem Atelier bin. [...] Der Sarg steht in der Mitte des Raumes. Er ist feierlich und kostbar aufgebahrt. Ein schwarzer Teppich und weiße Atlasdecken. Barlach ist ganz klein. Er liegt mit ganz zur Seite gesenktem Kopf – als ob er sich verbergen wollte. Die weggestreckten und nebeneinandergelegten Hände ganz klein und ganz mager. Ringsherum an den Wänden seine schweigenden Gestalten. [...] Über dem Sarge die Maske des Güstrower Dom-Engels.«
In Güstrow lernt sie den Barlach-Freund Hermann F. Reemtsma (1892–1961) kennen. Der Kunsthändler und Mäzen versucht, Kollwitz in den folgenden Jahre zu unterstützen, indem er bei der Berliner Galerie Buchholz zahlreiche ihrer Zeichnungen erwirbt und legt damit zugleich den Grundstock seiner bedeutenden Kollwitz-Sammlung.
Die Künstlerin ist zutiefst erschüttert von den Ereignissen der Novemberpogrome.
Mehr lesenWeniger lesenAls der Pogrom war – im Jahre 1938 – war ich in meinem Atelier in der Klosterstraße. Ich ging von da aus in die Königstraße, wo das ganze Unheil schon geschehen war. Als ich nach Hause kam, war Karl auch fort, er war nach dem jüdischen Viertel gegangen. Es war eine der schlimmsten Sachen, die ich erlebt habe, Karl berichtete mir, was er gesehen hatte. Mitunter konnte er nicht weitersprechen.«
Nach dem Begräbnis Ernst Barlachs (1870–1938) zeichnet Käthe Kollwitz den Toten aus ihrer Erinnerung heraus im offenen Sarg.
Ihre Trauer findet außerdem Ausdruck in der Arbeit an dem Bronzerelief »Die Klage«, Seeler 38, das sie 1940 vollendet.
Die Künstlerin erhält den Auftrag für die Gestaltung des »Grabsteins für Franz Levy«, Seeler 34B, auf dem jüdischen Friedhof in Köln-Bocklemünd.
Franz Levy (1892–1937) war Mitglied im Vorstand des in Köln ansässigen Warenhauskonzerns Leonhard Tietz AG. Als Jude muss er 1934 aus dem Unternehmen ausscheiden und gründet seine eigene Wirtschaftsberatungsfirma, bevor er 1937 stirbt. Die beiden Söhne Helmut und Henry werden 1938 mit einem der Kindertransporte nach Großbritannien gebracht, Tochter Marlies und Ehefrau Doris emigrieren 1939 ebenfalls dorthin.
Trotz der zunehmenden Judenverfolgungen kann Käthe Kollwitz den Auftrag von seiner Witwe Doris Levy übernehmen.
Mehr lesenWeniger lesenBeim Motiv der »sich fassenden Hände«, so schreibt sie im Dezember 1938, sei es ihr um »das unlösbare Zusammengehörigkeitsgefühl« gegangen, auch im Hinblick auf das Pogrom am 9. November:
Ich habe wiederholt an Sie gedacht, liebe Frau Levy, nicht nur zur Grabstätte gingen meine Gedanken, sondern zu Ihnen. Glauben Sie mir, wir litten alle gemeinsam und tief. Schmerz und Scham fühlen wir. Und Empörung.«
Das Gipsrelief wird von dem Steinmetz Friedrich Bursch aus Hamburg, der 1931 an Barlachs Hamburger Ehrenmal mitarbeitete, in Stein übertragen.
Bursch hatte bereits 1937 die in Muschelkalk ausgehauene Plastik »Mutter mit zwei Kindern« überarbeitet, die im Zweiten Weltkrieg zerstört wird.
Im März veranlassen deutsche und österreichische Nationalsozialisten mit dem Anschluss Österreichs die Eingliederung des Bundesstaates in das Deutsche Reich.
Das Münchner Abkommen vom Oktober 1938 führt zur Abtretung der Sudetendeutschen Gebiete an Deutschland.
In der Reichspogromnacht vom 9. November nimmt die Judenverfolgung vor dem Zweiten Weltkrieg einen traurigen Höhepunkt. Es folgt eine beispiellose Diskriminierung und Ausgrenzung der Juden aus der Öffentlichkeit.
Mit der Aktion Entartete Kunst in Berlin können Werke sofort und entschädigungslos enteignet werden.
Karl Kollwitz muss aus gesundheitlichen Gründen die Praxis aufgeben.
Nach der 1938 erfolgten Eingliederung des Sudetenlandes und Teilen der Slowakei in das Deutsche Reich besetzen deutsche Truppen im März 1939 mit der Militäraktion Zerschlagung der Rest-Tschechei das restliche Staatsgebiet der Tschecho-Slowakischen Republik.
Mit dem deutschen Angriff auf Polen beginnt am 1. September der Zweite Weltkrieg.
Am 19. Juli stirbt Karl Kollwitz (1863–1940). In der Kleinplastik »Abschied« Seeler 39, vollendet 1941, gibt Käthe Kollwitz dem Verlust ihres Mannes Gestalt.
Peter Kollwitz, der Enkel der Künstlerin, wird zum Frankreichfeldzug von der Wehrmacht eingezogen.
Aus gesundheitlichen Gründen gibt Käthe Kollwitz ihr Atelier in der Klosterstraße auf.
Mehr lesenWeniger lesenMein Atelier in der Klosterstraße habe ich [...] aufgegeben und in meine Wohnung rückverlegt. Das ist meinem jetzigen Zustand angemessen. Denn weil ich mit meinen Kräften sehr zurückgekommen bin – auf der Straße nur mit Stock gehe usw. – könnte ich nur hier und da das Atelier aufsuchen. Hier zu Hause aber, wo der Arbeitsraum zugleich Schlafraum ist, wo ich alles, was ich brauche, gedrängt und handlich zusammen habe, kann ich jede halbe Stunde, die ich mich frisch genug dazu fühle, noch arbeiten.«
Clara Stern, eine Nichte von Georg Stern, dem verstorbenen Mann ihrer Schwester Lisbeth, wohnt seit dem Tod von Karl Kollwitz in der Familienwohnung in der Weißenburger Straße und pflegt die Künstlerin.
1940 bis 1941 entsteht die Kleinplastik »Abschied«, Seeler 39.
Unter dem Eindruck, dass das Ende ihres Ehemannes Karl Kollwitz naht – seit einer schweren Erkrankung 1939 haben seine Kräfte merklich abgenommen – beginnt die Künstlerin im Februar 1940 mit der Arbeit an der Bronzegruppe, welche Anfang April 1941 abgeschlossen ist.
Die Kleinplastik wird, wie fast alle anderen Bronzen der Künstlerin seit 1940, von der Bildgießerei Noack in Berlin-Friedenau gegossen.
Zur gleichen Zeit arbeitet die Künstlerin an dem Auftrag eines Grabreliefs für Kurt Breysig (1866–1940).
Gertrud Breysig, die Witwe des Historikers, den die Söhne der Künstlerin aus der Zeit der Jugendbewegung vor dem Ersten Weltkrieg schätzten, beauftragt Käthe Kollwitz nach dem Tod ihres Mannes 1940. Die Arbeit am Gipsrelief ist Ende 1941 vollendet.
Der Bildhauer Fritz Diederich (1869–1951), der für Kollwitz bereits die »Mutter« des Mahnmals »Trauernde Eltern« in Stein übertragen hat, übernimmt 1943 die Ausführung in Stein.
Der Westfeldzug Deutschlands im Mai 1940 endet mit Kapitulation der Niederlande am 15. Mai, Belgiens am 28. Mai und der Teilung Frankreich in ein besetztes und ein unbesetztes Gebiet am 26. Juni.
Ebenfalls im Mai 1940 errichtet die SS das Konzentrationslager Auschwitz in Polen.
Im Juni 1940 fliegen die Alliierten erste Luftangriffe auf Berlin.
Käthe Kollwitz leidet unter einem fast vollständigen Verdienstausfall – bis auf 120 Mark monatlich, die ihr der Verleger Alexander von der Becke (1902–1958) bis zur Schließung seines Verlages durch die Gestapo für das Signieren von Drucken schickt, hat sie kaum weitere Einnahmen.
Die Künstlerin verfasst die autobiografische Schrift »Rückblick«.
Die Lithografie »Saatfrüchte sollen nicht vermahlen werden«, Kn 274, entsteht als künstlerisches Vermächtnis der Kollwitz.
Mit dem Titel, einem Goethe-Zitat aus »Wilhelm Meisters Lehrjahre«, wendet sich die Künstlerin wiederholt gegen den Krieg. Erstmals war sie 1918, kurz vor Ende des Ersten Weltkrieges, Richard Dehmel und dessen »Aufruf zum letzten Kriegsaufgebot« von Freiwilligen in einem offenen Brief entgegengetreten. 1941 greift sie das Thema für zwei Relief-Arbeiten und die Lithografie erneut auf.
Mehr lesenWeniger lesenIch beschließe noch einmal – zum 3. Mal – dasselbe Thema aufzunehmen und sagte zu Hans vor ein paar Tagen: Das ist nun einmal mein Testament: ›Saatfrüchte sollen nicht vermahlen werden.‹ [...] Diese Forderung ist wie ›Nie wieder Krieg‹ kein sehnsüchtiger Wunsch, sondern Gebot. Forderung.«
Am 22. Juni erfolgt ohne Kriegserklärung der deutsche Überfall auf die UdSSR.
Nationalsozialistische Richter sprechen erstmals Todesurteile für das Hören ausländischer Radiosendungen.
Am 22. September fällt der älteste Enkel der Künstlerin, Peter Kollwitz (1921–1942), in Russland.
Im Winter 1941/42 entsteht als letzte Druckgrafik von Käthe Kollwitz das »Bildnis von Cläry Bartning«, Kn 275, als Lithografie.
Auf der Wannseekonferenz am 20. Januar wird die ›Endlösung der Judenfrage‹, die Deportation und Ermordung der Juden, beschlossen.
Am 20. April werden Frauen zur Arbeit in Rüstungsbetrieben verpflichtet.
Der Führerbefehl wird zur höchsten Instanz der Rechtsprechung.
Käthe Kollwitz folgt am 3. August einer Einladung der Bildhauerin Margret Böning (1911–1995) nach Nordhausen, einer Kleinstadt in Thüringen, die noch nicht so stark wie Berlin von Luftangriffen heimgesucht wird. Auch ihre Schwester Lisbeth Stern (1870–1963), deren Tochter Katharina (1897–1984) und Clara Stern (1890–unbek.), eine Nichte von Georg Stern, finden dort Aufnahme.
Mehr lesenWeniger lesenBis jetzt hielt ich ein Weggehn meines Körperzustands wegen für unmöglich und überlege jetzt doch, ob es sich machen ließe. Es ist mir ein Unterkommen in Nordhausen [...] angeboten u. da meine Schwester, an der ich sehr hänge vielleicht mitgehn würde, würde ich es vielleicht wagen [...]. Ich würde bestimmt nicht gehn aber den Schlußkatastrophen dieses Krieges hier in Berlin entgegenzusehen ist auch scheußlich. Es scheint ja jetzt mit Riesenschritten sich den letzten grauenhaften Auseinandersetzungen zu nähern.«
Am 23. November wird das langjährige Wohnhaus der Künstlerin in der Weißenburgerstraße und am 3. Dezember das Haus ihres Sohnes Hans in Berlin bei Luftangriffen zerstört.
Mit der Berliner Wohnung, in der Käthe Kollwitz 51 Jahre gelebt hatte, gehen viele Arbeiten der Künstlerin verloren, darunter nahezu alle frühen Gemälde und viele Zeichnungen. Auch im Haus des Sohnes werden Werke der Künstlerin vernichtet.
In den Monaten zuvor ist es Margret Böning und Clara Stern noch gelungen, eine größere Anzahl grafischer Arbeiten nach Nordhausen in Sicherheit zu bringen, die Käthe Kollwitz anschließend sichtet und signiert.
Mehr lesenWeniger lesenNach Ausscheidung vieler Blätter [...] bleiben doch noch zahlreiche gute Arbeiten, die jetzt alle signiert sind. [...] Alles was meine ›Handschrift‹ trägt und was in lebendiger Beziehung zu meinem inneren Leben steht, möchte ich erhalten wissen und nur das ausschalten, was ich selbst als nicht gelungen ansehe. So ist natürlich eine relativ große Sammlung erhalten, besonders wenn man an all das denkt, was woanders untergebracht ist. Es liegt etwas parallel dem, was mir oft gesagt wurde: Warum machen Sie so große Auflagen Ihrer Graphik? [...] Ich sagte darauf: Weil ich für ein großes Publikum arbeiten möchte.«
Vor ihrer Übersiedlung nach Nordhausen vollendet Kollwitz ihre letzte Kleinplastik »Zwei wartende Soldatenfrauen«, Seeler 43.
Die Niederlage der deutschen 6. Armee in Stalingrad im Winter 1942/43 bedeutet den Wendepunkt des Krieges.
Am 18. Februar proklamiert Reichspropagandaminister Joseph Goebbels in seiner Sportpalastrede den Totalen Krieg.
Die Widerstandskämpfer der Weißen Rose, Hans Scholl (1918–1943) und Sophie Scholl (1921–1943), werden am 22. Februar verhaftet zum Tod verurteilt.
Am 19. April erheben sich die jüdischen Gefangenen zum Aufstand im Warschauer Ghetto gegen ihre Deportation in Vernichtungslager.
Am 10. Juni starten die Alliierten die kombinierte Bomberoffensive – die Briten bombardieren nachts, tagsüber die USA.
Verstärkte Luftangriffe auf Nordhausen machen eine weitere Umsiedlung notwendig. Am 20. Juli folgt Käthe Kollwitz der Einladung des Prinzen Heinrich von Sachsen (1896–1971) nach Moritzburg bei Dresden. Dort bezieht die Künstlerin zwei Zimmer im Rüdenhof.
Der Prinz hatte bereits 1943 eine Mappe mit Zeichnungen von Käthe Kollwitz in Verwahrung genommen.
Seit 1995 – dem Jahr ihres 50. Todestag – ist der Rüdenhof als »Käthe Kollwitz Haus Moritzburg« Gedenkstätte für die Künstlerin.
Kollwitz erleidet einen leichten Schlaganfall und schreibt Abschiedsbriefe.
Käthe Kollwitz erteilt dem Stuttgarter Sammler Paul Beck (1887–1949) die Genehmigung, für das Grabmal seines Sohnes Reinhold, der den Folgen einer Kriegsverletzung erlegen ist, ihre Skulptur »Pietà«, Seeler 37, in etwa doppelter Größe von dem Stuttgarter Bildhauer Schönfeld in Stein aushauen zu lassen.
Die Aufstellung auf dem Waldfriedhof in Stuttgart-Degerloch erfolgt erst 1948, drei Jahre nach dem Tod der Künstlerin.
Am D-Day, dem 6. Juni, beginnt die Invasion der Alliierten in der Normandie.
Am 20. Juli schlägt ein Attentat auf Adolf Hitler fehlt. Die von Claus Schenk Graf von Stauffenberg (1907–1944) bei einer Besprechung im Führerhauptquartier Wolfsschanze deponierte und scharf gemachte Sprengladung verletzt den Diktator nur leicht.
Käthe Kollwitz stirbt am 22. April in Moritzburg, wenige Tage vor Kriegsende, auf dem Rüdenhof in Moritzburg.
Nach dem Tod der Großmutter gelingt es den Zwillingsenkelinnen Jördis und Jutta, die die Großmutter bis zum Schluss umsorgt hatten, die meisten grafischen Arbeiten, die die Künstlerin nach Moritzburg mitgenommen hatte, zu retten.
Ihrem Begräbnis am 24. April auf dem dortigen Friedhof wohnen nur wenige Vertraute bei. Nach dem Ende des Krieges, am 23. November, wird der Leichnam der Künstlerin exhumiert und zur Einäscherung nach Dresden verbracht. Hier findet am 27. November eine nachträgliche Trauerfeier statt, an der ihre Angehörigen und auch offizielle Gäste teilnehmen. Am Abend liest Theodor Plivier (1892–1955), mit dem Kollwitz seit langem bekannt ist, für die Trauergäste im Stadttheater aus seinem soeben fertiggestellten Roman Stalingrad.
Ihre letzte Ruhestätte erhält Käthe Kollwitz ihrem Wunsch gemäß auf dem Zentralfriedhof in Berlin-Friedrichsfelde, wo sie im Familiengrab beigesetzt wird.
Am 8. Mai unterzeichnet die Oberste Heeresleitung der Wehrmacht die bedingungslose Kapitulation Deutschlands und besiegelt damit die Beendigung des Zweiten Weltkrieges.