Käthe Kollwitz (1867–1945)

Caveau des Innocents, 1904

Farbige Kreiden auf stark strukturiertem Papier, NT 275b

Dauerleihgabe aus Privatbesitz

Über das Werk

In ihren Erinnerungen berichtet Käthe Kollwitz nur wenig von den Kursen an der Pariser Académie Julian. Beeindruckender waren die nächtlichen Streifzüge durch die legendären Kellerlokale unter den Markthallen. Mit dem Kunsthändler Wilhelm Uhde (1874–1947) besuchte sie das berüchtigte »Caveau des Innocents«, die »Höhle der Unschuldigen«. Hier tummelte sich die Pariser Arbeiterschaft neben Studierenden, Kunstschaffenden und zwielichtigen Personen. Eine (Unter)Welt der Inspiration für Käthe Kollwitz. Die hier entstandenen Milieustudien zählen zu ihren modernsten Arbeiten.

»Rückblick auf frühere Zeit«, 1941

»Paris bezauberte mich. An den Vormittagen war ich in der alten Julianschule in der Klasse für Plastik, um mich mit den Grundlagen der Plastik vertraut zu machen. Die Nachmittage und Abende war ich in den Museen in der Stadt, die mich entzückte, in den Kellern um die Markthallen herum oder in den Tanzlokalen auf dem Montmartre oder in Bal Bullier.«

Was sonst noch interessant ist

Wilhelm Uhde (1874–1947)

Der Kunsthändler Wilhelm Uhde beschreibt 1938 die »Caveau des Innocents« rückblickend:

»Im Viertel der Hallen, im Ange Gabriel, in dem Caveau des Innocents saßen die jungen Mörder, Kinder, trunken von Liebe und Eifersucht, während draußen Türen schlugen, in der Finsternis Schreie wie von Sterbenden tönten, Pfiffe und Pferdewiehern. Dann kam ein neuer Tag. Auf dem Quai aux Fleurs breitete man Blumen aus und in der Morgue bahrte man die Toten auf.«

Theodor Wolff (1868–1943)

Der Schriftsteller Theodor Wolff schreibt 1908 in sein Pariser Tagebuch:

»Es gibt anderes im Hallenviertel zu sehen. Mit einigen Londoner Freunden, die etwas ›nächtliches Paris‹ genießen wollten, bin ich neulich wieder in das alte ›Caveau‹ hinabgestiegen. Das ›Caveau‹ ist eine Kneipe in der Rue des Innocents, dicht bei den Hallen. Man tritt zuerst in einen Raum, der sich wenig von den Lokalen aller ›marchands de vin‹ unterscheidet. Es ist drei Uhr, und der Raum ist gefüllt. Dicke Marktfrauen, in große wollene Tücher gewickelt, breitschultrige Fleischer in blauen, über den Anzug geworfenen Hemden, Fischhändler in weißen Hemden sitzen an den Tischen und löffeln die warme Suppe aus. In einer Wand sieht man eine Öffnung; hinter der Öffnung führt eine Wendeltreppe in eine ungewisse Tiefe. Die Treppe ist so schmal, daß gerade eine Person mit Mühe und Not sich von Stufe zu Stufe hinunterzwängen kann. Man muß sich bücken, um nicht mit dem Kopf gegen die steinerne Decke zu stoßen. Von unten, aus der Tiefe, kommt etwas wie Gesang. Wenn man unten angelangt ist, steht man in einem dunstigen, qualmigen Kellerraum. Ein paar rötlich rauchige Wandlaternen beleuchten den Schauplatz. Der Keller ist durch breite vierkantige Pfeiler in mehrere Gewölbe geteilt, und in jedem Gewölbe sitzen an bierbeschmutzten Tischen und manchmal auf den Tischen Individuen beiderlei Geschlechts. Aber man sieht weder die rundlichen Marktfrauen (sie kämen gar nicht durch das Treppenloch) noch die Fleischer und Fischhändler. Die Gesellschaft hier unten ist meist weniger solide. Zuhälter, Frauenzimmer mit auf die Stirn geklebten Ringellöckchen und einige Lastträger aus den Hallen, die hier im Warmen bei einem Glase Bier den Morgen erwarten – denn das ›Caveau‹ bleibt die Nacht hindurch geöffnet.«

Aus dem Archiv

Paris la nuit, Le Caveau des Innocents, o. J., historische Postkarte, Käthe Kollwitz Museum Köln, Archiv

Zum Vergleich

Der Caveau des Innocents war nicht nur für Käthe Kollwitz eine künstlerische Inspirationsquelle.

Julio González (1876–1942), Caveau des Innocents (Höhle der Unschuldigen), 1905, Öl auf Pappe, Privatsammlung München, Foto: Kunstauktionshaus Schloss Ahlden