Käthe Kollwitz (1867–1945)

Szene aus "Germinal", 1893

Strichätzung, Kaltnadel und Schmirgel, in Braun, Kn 19 III b

Über das Werk

Émile Zolas sozialkritischer Bergarbeiterroman »Germinal« (erschienen 1885) war damals so etwas wie ein Bestseller. Während ihrer Münchner Studienzeit zeichnete Käthe Kollwitz daraus eine Szene, in der zwei Männer um die Gunst einer Frau ringen. Jahre später, mittlerweile verheiratet in Berlin, griff sie die Szene wieder auf, dieses Mal im Rahmen einer geplanten druckgrafischen Folge zu »Germinal«. Als Kulisse diente ihr eine Königsberger Matrosenkneipe. Auffällig ist das extreme Querformat, das sich von allen anderen von Kollwitz verwendeten Formaten deutlich unterscheidet.

»Rückblick auf frühere Zeit«, 1941

»Es gab [während der Studienzeit der Künstlerin in München] eine Vereinigung, die einige Mädchen unserer Klasse zusammenführte mit Otto Greiner, Alexander Oppler, Gottlieb Elster. Für diese Abende wurde ein Thema gestellt. So besinne ich mich auf das Thema ›Kampf‹. Ich wählte die Szene aus Germinal, wo in dem verrauchten Lokal um die junge Kathrin von zwei Männern gekämpft wird. Diese Komposition wurde anerkannt. Zum ersten Male fühlte ich mich bestätigt auf meinem Wege, große Perspektiven öffneten sich meiner Phantasie, und die Nacht war schlaflos vor Glückerwartung. [...] Jedenfalls im Jahr darauf, 1890, war ich wieder in Königsberg. Dieses Mal, dank der verkauften Genrebilder, mietete ich mir ein kleines Atelier. Mein Übergang von der Malerei zur Graphik war noch nicht erfolgt, ich wollte im Gegenteil malen, und zwar wollte ich die Szene aus Germinal auf die Leinwand bringen. Zu diesem Zweck brauchte ich Studien. Königsberg hatte damals in den alten Pregelgegenden eine Reihe von Matrosenkneipen, welche am Abend zu besuchen mit Lebensgefahr verbunden war. Es war mir nicht möglich, anders als an Vormittagen dort Studien zu machen. Am interessantesten war mir das ›Schiffchen‹, ein Lokal mit doppelten Ausgängen. Wüster Lärm war drin zu hören, Messerstechereien waren an der Tagesordnung.«

Brief vom 26. Februar 1891

Käthe Kollwitz schreibt kurz vor ihrer Heirat und Übersiedlung nach Berlin aus Königsberg an ihren Studienfreund Paul Hey (1867–1952):

»Lieber Hey, […] In der ersten Zeit meines Hierseins faßte ich den großen Plan, ein Bild zu malen, die Streitscene aus dem Germinal, die ich in München als Kohleskizze gemacht hatte. Und ging dann auch wacker daran. Bin aber doch stecken geblieben. Bis zum Frühjahr kann ich das Bild nicht mehr malen, in Berlin kann ich es nicht fortsetzen, also mach ich alle Vorstudien, die ich dazu brauche und radiere das Ganze, wenn ich erst mehr Übung im Radieren habe. Mit diesen Vorarbeiten bin ich jetzt fast fertig. Ein ganz famoses Lokal, worin die Scene spielen kann, hab ich ausfindig gemacht. Es ist eine wahre Mördergrube, wo Matrosen verkehren, ein wüstes Tanzlokal. Abends ist ein riesiger Spektakel drin. Ich hab mich mit dem Wirth angefreundet und am Vormittag, wenn der Saal leer ist, zeichne ich dort, mit Zittern und Zagen.«

Werk im Kontext

Käthe Kollwitz, Königsberger Kneipe, 1893, Feder in Schwarz, grau laviert, auf Zeichenkarton, NT (52a), Käthe Kollwitz Museum Köln

Was sonst noch interessant ist

Emile Zola (1840–1902)

Emile Zola (1840–1902), Auszug aus dem dritten Kapitel von »Germinal«, das 1885 erschien. 1895 wurde die deutschsprachige Erstausgabe veröffentlicht.

»Katharina trat mit bittenden Händen zwischen sie; aber sie brauchten sie nicht erst zurückzudrängen, sie wich selbst langsam zurück, weil sie die Notwendigkeit des Kampfes fühlte. In stummem Entsetzen stand sie regungslos an der Mauer, dermaßen gelähmt, daß sie nicht einmal zitterte; die weit offenen Augen auf die beiden Männer gerichtet, die im Begriffe waren, sich ihrethalben zu töten. […] Anfänglich fügten sie einander wenig Schaden zu. Die geräuschvollen Mühlräder des einen, die kühle, zuwartende Haltung des andern verlängerten den Kampf. Ein Stuhl ward umgeworfen; ihre plumpen Schuhe zerstampften den weißen Sand, mit dem der Fußboden bestreut war. Aber allmählich kamen sie außer Atem; man hörte sie röcheln, während ihre roten Gesichter anschwollen wie von der Gewalt eines inneren Feuerherdes, dessen Flammen man durch die klaren Höhlen ihrer Augen sah. […] Chaval antwortete nicht; er war eine Weile ganz betäubt, dann begann er sich am Boden zu regen und die Glieder zu recken. Mühselig raffte er sich auf, blieb einen Augenblick auf den Knien wie eine Kugel und kramte in seiner Tasche herum. Als er sich erhoben hatte, stürzte er sich mit wildem Geheul abermals auf seinen Gegner. Doch Katharina hatte gesehen, und unwillkürlich entfuhr ihr ein lauter Schrei; sie selbst war darüber erstaunt wie über das Geständnis einer Bevorzugung, die ihr unbekannt gewesen. ›Gib acht! Er hat sein Messer!‹ Etienne hatte knapp Zeit, den ersten Stoß mit seinem Arm aufzufangen. Der Wollstoff seiner Jacke ward von der dicken Klinge durchschnitten, von einer jener Klingen, die durch einen kupfernen Ring in einem Heft von Buchsholz befestigt sind. Schon hatte er Chaval am Handknöchel gepackt, und es entspann sich ein furchtbarer Kampf, denn er wußte, daß er verloren sei, wenn er locker ließ; der andere suchte mit unablässigen Ruck seine Hand frei zu machen, um zuzustoßen. Die Waffe senkte sich nach und nach; die steifen Glieder ermatteten; zweimal schon hatte Etienne den kalten Stahl an seiner Haut gefühlt und mußte eine äußerste Anstrengung machen; er preßte den Handknöchel mit solcher Gewalt, daß das Messer der offenen Hand entfiel. Beide hatten sich zu Boden geworfen; er war es, der das Messer ergriff und es jetzt gegen den andern zückte. Er kniete auf Chaval und drohte ihm das Messer in den Hals zu stoßen. ›Verdammter Verräter!‹ rief er. ›Du mußt hin werden!‹ Eine scheußliche Stimme erhob sich in ihm und betäubte ihn. Es kam aus seinem Innern und pochte in seinem Schädel gleich Hammerschlägen; es war eine plötzliche Mordgier, das Bedürfnis, Blut zu trinken. Noch niemals hatte der Anfall ihn dermaßen gepackt. Und doch war er nicht berauscht. Er kämpfte gegen das Erbübel mit dem verzweifelten Beben eines Liebeswütigen, der am Rande der Notzucht mit sich selbst kämpft. Schließlich überwand er sich und warf das Messer hinter sich, wobei er mit rauher Stimme murmelte: ›Steh auf und geh!‹«