Die Carmagnole, 1901

Strichätzung, Kaltnadel, Aquatinta bzw. Pinselätzung und Schmirgel, Kn 51 VII

Käthe Kollwitz, Die Carmagnole, 1901, Strichätzung, Kaltnadel, Aquatinta bzw. Pinselätzung und Schmirgel, Kn 51 VII

Anregung zu dieser Radierung findet Käthe Kollwitz in Charles Dickens A Tale of two cities (1859). Er beschreibt darin die Zeit der Französischen Revolution (1789-1792) in London und Paris. In einer Szene des Romans tanzen Hunderte von Menschen zu dem beliebten Revolutionslied La Carmagnole, wobei ihre revolutionäre Begeisterung in besinnungslosen Taumel umschlägt. Dieses Sturmlied der französischen Revolution war 1793 bei der Einnahme von Carmagnola aufgekommen, jede Strophe endet mit dem Refrain: »Dansons la Carmagnole/ Vive le son du canon« (»Lasst uns die Carmagnole tanzen/ Es lebe der Klang der Kanone«). 

Wie in Ekstase tanzen auch in Käthe Kollwitz' Radierung die zerlumpten Gestalten, überwiegend Frauen, nach dem Rhythmus des trommelnden Jungen um die Guillotine. Merkwürdigerweise versetzt sie die Szene aus Paris in eine deutsche Stadt. Die hohe Fachwerkarchitektur soll angeregt worden sein durch einen Besuch im Hamburger Gängeviertel. Genauso gut könnte es sich dabei aber auch um das Königsberger Speicherviertel, d. h. die Heimatstadt der Künstlerin, handeln.

Darüber hinaus findet das historische Ereignis in der Gegenwart der Künstlerin statt, wie die Arbeiterkleidung verrät. Vielleicht spielt hierbei eine Rolle, dass Käthe Kollwitz wie viele sozialdemokratische junge Intellektuelle, darunter auch ihr Bruder Konrad Schmidt, eine Revolution zur Erlangung des sozialistischen Zukunftsstaates erwartet.

Vorzeichnung (Faksimile)

Käthe Kollwitz, Tanz um die Guillotine, Blatt 9 der »Richter-Mappe«, Faksimile der Handzeichnung NT 179, 1901, Bleistift, Privatbesitz Berlin

Käthe Kollwitz, Tanz um die Guillotine, Blatt 9 der »Richter-Mappe«, Faksimile der Handzeichnung NT 179, 1901, Bleistift, Privatbesitz Berlin

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