Käthe Kollwitz (1867–1945)
Strichätzung, Kaltnadel, Aquatinta bzw. Pinselätzung und Schmirgel, in Braun, Kn 51 V b
Der Roman »Eine Geschichte aus zwei Städten« von Charles Dickens (erschienen 1859) inspirierte Käthe Kollwitz zu diesem Werk. Der Roman spielt zur Zeit der Französischen Revolution und erwähnt »Die Carmagnole«, ein Sturmlied der Aufständischen, das häufig bei Hinrichtungen durch die Guillotine angestimmt wurde. Kollwitz verlegte die Handlung von Paris in die engen Gassen einer deutschen Stadt ihrer Zeit. Wie viele andere Intellektuelle erhoffte sie eine Revolution im Kaiserreich. Das Werk jedenfalls war für sie von besonderer Bedeutung: Es war zum Zeitpunkt der Entstehung ihre bis dahin größte und figurenreichste Druckgrafik. Und als sie sich das erste Mal von einem Fotografen repräsentativ ablichten ließ, lehnte »Die Carmagnole« gerahmt hinter ihr an der Wand.
Charles Dickens, Auszug aus »Eine Geschichte aus zwei Städten«, die 1859 erschien. Die deutschsprachige Erstausgabe erschien noch im selben Jahr.
„Es konnten nicht weniger als fünfhundert Menschen sein, und sie tanzten wie fünftausend Dämonen. Sie hatten keine andere Musik, als ihren eigenen Gesang. Sie tanzten nach dem beliebten Revolutionslied in einem wilden Takt, der einem Zähneknirschen im Einklange glich. Männer und Frauen tanzten mit einander, Frauen tanzten mit einander, Männer tanzten mit einander, wie der Zufall sie zusammengeführt hatte. Anfangs war es blos ein Gewühl von rothen Mützen und schlechten wollenen Lumpen, aber wie die Straße voll wurde und der Tanz sich Lucien näherte, wurde das schauerliche Gespenst einer toll gewordenen Tanztour unter dem Haufen sichtbar. Die Einzelnen avancirten, retirirten, schlugen sich einander an die Hände, packten einander bei dem Kopfe, drehten sich allein im Kreise, faßten einander und drehten sich paarweise, bis viele von ihnen erschöpft hinsanken. Während diese liegen blieben, gaben sich die Uebrigen die Hand, und alle tanzten im Kreise herum; dann löste sich der Reigen, und in besonderen Kreisen von Zweien und Vieren drehten sie sich weiter, bis alle auf einmal still standen, wieder anfingen, in die Hände klatschten, sich packten und fortrissen, und dann in umgekehrter Richtung fortwirbelten. Plötzlich blieben sie wieder stehen, fingen mit einem neuen Takt an, bildeten Reihen die Straße entlang, und schossen mit tiefgesenkten Köpfen, und hoch in die Luft gehobenen Händen, wild heulend von dannen. Es war so in vollstem Sinne ein gefallener Tanz — ein ehedem unschuldiges Ding, das jetzt jeder Teufelei anheim gegeben war — eine ehedem gesunde Zerstreuung, jetzt zu einem Mittel geworden, das Blut zu entzünden, die Sinne zu verwirren, und das Herz zu verhärten. Die Grazie, die sich dabei noch zeigte, machte es nur um so häßlicher, denn sie verrieth, wie verkehrt und verderbt alle von Natur guten Dinge werden können. Der in diesen Tanz entblößte Jungfrauenbusen, der fast noch dem Kindesalter angehörige hübsche Kopf, der sich in dem Wahnwitz erhitzte, der zarte Fuß, der in diesem Sumpf von Blut und Schmutz tänzelte, waren Typen der aus den Gliedern gerenkten Zeit. Das war die Carmagnole.“