Käthe Kollwitz (1867–1945)

Gedenkblatt für Karl Liebknecht, 1920

Holzschnitt, Kn 159 VI a

Tagebucheintrag vom 16. Januar 1919

»Niederträchtiger empörender Mord an Liebknecht und Luxemburg.«

Tagebucheintrag vom 25. Januar 1919

»Heut ist Karl Liebknecht begraben und mit ihm 38 andere Erschossene. Ich durfte eine Zeichnung nach ihm machen und ging früh nach dem Schauhause. In der Leichenhalle neben den andern Särgen stand er aufgebahrt. Um die zerschossene Stirn rote Blumen gelegt, das Gesicht stolz, der Mund etwas geöffnet und schmerzhaft verzogen. Ein etwas verwunderter Ausdruck im Gesicht. Die Hände im Schoß nebeneinandergelegt, ein paar rote Blumen auf dem weißen Hemd. Es waren noch mehrere mir fremde Leute da. Karl Hans Stan waren mitgekommen. Stan zeichnete auch. Ich ging dann mit den Zeichnungen nach Haus und versuchte eine bessere zusammenfassende Zeichnung zu machen. Lise ist in der Stadt gewesen um dem Zuge zu folgen. Das ganze Innere der Stadt abgesperrt. Der gewaltige Demonstrationszug von inneren Straßen abgeleitet - überall Weiße Garde – über Moabit bis Bülowplatz gekommen. Von da sollte es weiter nach Friedrichshain [gehn]. Lise ging nicht weiter mit. Vom Friedrichshain ging der Zug hinter den Särgen. Wie kleinlich und falsch sind alle diese Maßnahmen. Wenn Berlin - ein großer Teil Berlins - seine Gefallenen beerdigen will, so ist das keine revolutionäre Angelegenheit. Selbst zwischen den Schlachten gibt es Ruhestunden zum Bestatten der Toten. Es ist unwürdig und aufreizend, Liebknechts Gefolgschaft zum Grabe militärisch zu schikanieren. Und es ist ein Zeichen der Schwäche der Regierung, daß sie das dulden muß. Während wir noch im Schauhause waren, kam eine alte Proletarierfrau. Ob sie nicht die Leiche noch einmal sehn könnte? Was für eine Summe von Gefühl folgt diesen Särgen. Stan sagt, sie wird jetzt manchmal angesprochen von Leuten aus der Spartakusgruppe. Neulich faßte eine junge Frau ihre Hand: »Wissen Sie noch, wie wir den Vorwärts stürmten?« Eine zersprengte Gemeinde, sagt Stan. Eine verkrochene flüchtende versprengte Gemeinde. Karl hat den ganzen Zug gesehn. Erschütternd in der Massenhaftigkeit und dem gleichen Ausdruck. Stan war auf dem Kirchhof. In einem Massengrab sind sie beerdigt. Für Rosa Luxemburg ein leerer Sarg neben Liebknecht. Zietz, Hoffmann, Levi, Breitseheid sprachen. Welche Qual diese ganze öffentliche Angelegenheit für Liebknechts Frau! Sie ist ohnmächtig geworden. Um das Grab Gedränge. Einer schob den andern weg, zankten sich um die Plätze.«

Tagebucheintrag von Ende März 1919

»Ich arbeite an der ›Totenfeier‹. Unter den Händen ist sie allmählich ein Abschied von Liebknecht geworden. Nun meinetwegen, ist mir auch recht.«

Brief vom 21. Januar 1921

Käthe Kollwitz schreibt an ihre Freundin Annie Karbe (1883–1954):

»Du weißt, ich war politischer Gegner, aber sein Tod gab mir den ersten Ruck zu ihm hin. Später las ich seine Briefe, was zur Folge hatte, daß seine Persönlichkeit mir im reinsten Licht erscheint.«

Karl Liebknecht (1871–1919)

Karl Liebknecht auf seinem Sterbebett, 1919, historisches Foto, Fotograf unbekannt