Louise Stomps (1900–1988) gehört zu den wenigen freien Bildhauerinnen, deren künstlerische Anfänge in die Zeit der Weimarer Republik fallen die und ihr Werk nach dem Zweiten Weltkrieg über vier Jahrzehnte lang konsequent weiterentwickelten. Der Mensch stand im Zentrum ihres Schaffens – zunehmend in seiner Verletzlichkeit und seinen Leiderfahrungen. Neben einem umfangreichen plastischen Œuvre hinterließ Stomps auch eine beeindruckende Anzahl grafischer Arbeiten.
Ab Frühjahr 2026 widmet das Kollwitz Museum Köln dieser herausragenden und zu Unrecht lange Zeit nur selten ausgestellten Künstlerin nun eine umfassende Retrospektive mit rund 50 Skulpturen und 30 Papierarbeiten aus ihrem Nachlass sowie aus öffentlichen und privaten Sammlungen.
Es sind Linie, Form, Ausdruck — gefangen im menschlichen Urbild —, mit denen ich zu bilden suche, was ich zu sagen habe!«
Louise Stomps, 1947
Louise Stomps, Das Paar I, 1937,
Eiche, H 45 cm, Berlinische Galerie
© Nachlass Louise Stomps
Der Mensch und darüber hinaus die Beschäftigung mit menschlichen Leiderfahrungen sind zeitlebens Hauptthemen im Schaffen der Louise Stomps. Ausgehend vom klassisch figurativen Körperbild vollzieht sie den künstlerischen Wandel zu abstrakten Figurationen und entwickelt diese in sechs Jahrzehnten in Stein und Holz – vereinzelt auch in Bronze – stetig weiter.
Ein großer Teil ihres Frühwerks fällt 1943 mehreren Bombenangriffen zum Opfer. Erhalten geblieben sind die Frauenfigur »Sitzende« (1928) aus Sandstein, die noch während ihrer Ausbildungszeit bei Milly Steger im Verein der Künstlerinnen zu Berlin entsteht, sowie weitere Werke aus Holz wie »Vestalin« (1932), »Paar I« (1937) und »Mutter und Kind« (1937). Wenngleich noch weitestgehend dem Naturvorbild verhaftet, zeigt sich hier bereits die kontinuierliche Weiterentwicklung in der Formensprache, insbesondere im Hinblick auf Körperlichkeit und Abstraktion.
Mit ihren nach dem Zweiten Krieg entstandenen Arbeiten findet Louise Stomps schließlich erstmals im Kunstbetrieb Beachtung. Es folgen neben zahlreichen Ausstellungsbeteiligungen auch mehrere Einzelausstellungen. Die Schrecken des erlebten Krieges und die anhaltende Verzweiflung und Ohnmacht darüber werden von ihr nun in Arbeiten wie »Gemeinsame Klage« (1948) oder »Trauernde« (1951) thematisiert.
natur abbilden
Louise Stomps in ihrer Werkstatt in der Kumpfmühle
bei Rechtmehring, 1987, Foto: Amrei-Marie
Zeitgleich zu ihrem Umzug in eine alte Mühle in Oberbayern im Jahr 1960 kommt es zu einer sichtbaren Rückbesinnung auf Naturformen in ihrem bevorzugten Material, dem Holz. Es entstehen überlebensgroße imposante Skulpturen, deren Gestalt auf ihre organische Herkunft, stammend von hoch gewachsenen Baumstämmen, verweisen. Auch in ihren kleineren Arbeiten geht es Stomps verstärkt um die Ursprünglichkeit des Materials: die verwendeten Hölzer bleiben unbearbeitet und ihre Beschaffenheit wie etwa die Maserung oder Verästelung wird von Stomps als Basis der Formgebung genommen.
Die Weiterentwicklung in der Plastik, lässt sich auch für die grafischen Arbeiten festhalten: die figurativen Darstellungen in den Holzschnitten der 1940er Jahre werden in den 1950er Jahren zunehmend von abstrahierten figürlichen Formen - mitunter in Verbindung mit Farbe - abgelöst bis in den 1960er und 1970er Jahren schließlich die organischen Abstraktionen in Form von Tusche- und Kugelschreiberzeichnungen entstehen.
Parallelen zu käthe Kollwitz
Der Mensch im Fokus sowie die Motivwahl, etwa in Darstellungen von Mutter und Kind, von Paaren und bei der Wiedergabe von Trauer offenbart sich eine sublime Nähe zu Käthe Kollwitz. Auch in Stomps´ Arbeit an Denkmälern in den 1940er bis 1960er, die die Ausstellung durch Skizzen und Modelle belegt, zeigt sich, wie ähnlich und doch jeweils individuell Stomps und Kollwitz Themen und Motive denken, entwickeln und in ihrer künstlerischen Arbeit umsetzen.
Nachdem der Verein DAS VERBORGENE MUSEUM in der Berlinischen Galerie im Jahr 2021 die erste Retrospektive der Bildhauerin gezeigt hat, schließt die Ausstellung im Kollwitz Museum Köln nun an diese umfangreiche Präsentation der kontinuierlichen künstlerischen Entwicklung Louise Stomps´ im Spannungsfeld zwischen Form und Inhalt sowie Figur und Abstraktion an. Den Betrachter:innen begegnet dabei das eigenständige und vielschichtige Werk einer außergewöhnlichen und unerschrockenen Künstlerin.