Käthe Kollwitz (1867–1945)

Märzfriedhof, 1913

Kreidelithografie in zwei Farben (Umdruck), mit roter und grüner Aquarellfarbe überarbeitet, Kn 128

Über das Werk

Vor dem Hintergrund der Familientradition, jährlich der Toten der Märzrevolution von 1848 zu gedenken, entsteht 1913 der Steindruck »Märzfriedhof«. Die Arbeiter und Arbeiterinnen stehen dicht gedrängt vor den Gedenkkränzen – in ihrer Mitte zwei Jugendliche. Sie studieren aufmerksam die Schriftbänder der Kränze und werden die Erinnerung an die blutig niedergeschlagene Revolution in die nächste Generation weitertragen. Die Lithografie entsteht als Mitgliedsgabe der Freien Volksbühne, deren Vorsitzender Käthe Kollwitz’ Bruder Konrad Schmidt (1863–1932) ist. Kollwitz fertigte drei Fassungen des Motivs. Einzig das hier gezeigte Exemplar ist mit Wasserfarbe überarbeitet

Das sagt Käthe Kollwitz

Käthe Kollwitz schreibt 1933 in »Das neue Kollwitz-Werk« über Ihre Lithografie »Märzfriedhof«:

»Den Friedhof der Märzgefallenen von 1848 besuchte ich alljährlich am 18. März. Die Arbeiter zogen in langsamem Zuge vom Morgen bis zum Abend in langer Kette an den Gräbern vorbei. Auf den Grabsteinen lagen die Kränze mit den roten Schleifen und Inschriften, deren viele aber von den Polizisten abgeschnitten wurden, die am Eingang standen. [...]. Der 18. März war vor dem Kriege ein Tag, den die ganze rote Arbeiterschaft Berlins einmütig feierte.«

Was sonst noch interessant ist

Hermann Ferdinand Freiligrath (1810–1876)

Das politische Gedicht "Die Todten an die Lebenden" wurde von Hermann Ferdinand Freiligrath (1810–1876) im Juli 1848 verfasst. Der Lyriker lässt hier die Berliner Märzgefallenen der Deutschen Revolution zornige Anklagen und revolutionäre Appelle an die Lebenden richten.

Hermann Ferdinand Freiligrath (1810–1876), Auszug aus dem Gedicht »Die Todten an die Lebenden« von 1848:

Umsonst, es täte not, daß ihr uns aus der Erde grübet, Und wiederum auf blut’gem Brett hoch in die Luft erhübet! Nicht, jenem abgetanen Mann, wie damals, uns zu zeigen - Nein, zu den Zelten, auf den Markt, ins Land mit uns zu steigen! Hinaus ins Land, soweit es reicht! Und dann die Insurgenten Auf ihren Bahren hingestellt in beiden Parlamenten! O ernste Schau! Da lägen wir, im Haupthaar Erd’ und Gräser, Das Antlitz fleckig, halbverwest - die rechten Reichsverweser! Da lägen wir und sagten aus: Eh wir verfaulen konnten, Ist eure Freiheit schon verfault, ihr trefflichen Archonten! Schon fiel das Korn, das keimend stand, als wir im Märze starben: Der Freiheit Märzsaat ward gemäht noch vor den andern Garben! Ein Mohn im Felde hier und dort entging der Sense Hieben - Oh, wär’ der Grimm, der rote Grimm, im Lande so geblieben!   Und doch, er blieb! Es ist ein Trost im Schelten uns gekommen: Zuviel schon hattet ihr erreicht, zuviel ward euch genommen! Zuviel des Hohns, zuviel der Schmach wird täglich euch geboten: Euch muß der Grimm geblieben sein - oh, glaubt es uns, den Toten! Er blieb euch! ja, und er erwacht! er wird und muß erwachen! Die halbe Revolution zur ganzen wird er machen! Er wartet nur des Augenblicks: dann springt er auf allmächtig, Gehobnen Armes, wehnden Haars da steht er wild und prächtig! Die rost’ge Büchse legt er an, mit Fensterblei geladen: Die rote Fahne läßt er wehn hoch auf den Barrikaden! Sie fliegt voran der Bürgerwehr, sie fliegt voran dem Heere - Die Throne gehn in Flammen auf, die Fürsten fliehn zum Meere! Die Adler fliehn; die Löwen fliehn; - die Klauen und die Zähne! - Und seine Zukunft bildet selbst das Volk, das souveräne!   Indessen, bis die Stunde schlägt, hat dieses unser Grollen Euch, die ihr vieles schon versäumt, das Herz ergreifen wollen! Oh, steht gerüstet! Seid bereit! Oh, schaffet, daß die Erde, Darin wir liegen strack und starr, ganz eine freie werde! Daß fürder der Gedanke nicht uns stören kann im Schlafen: Sie waren frei: doch wieder jetzt - und ewig! - sind sie Sklaven!